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Böhmen in Potsdam
II. Das eingeschossige
Weberhaus in der Kolonie Nowawes
- Das Kolonistenhaus
Mitte des 18. Jahrhunderts
III. Das Leben der Weber in der Kolonie
Nowawes
- Der Alltag in der
Kolonie
- Die königliche
Schenkung
- Der Gewerbebetrieb
IV. Bibligraphie
I. Die Gründung und der Bau der Weberkolonie
Nowawes
Der städtebauliche Entwurf der Kolonie [zurück]
Der Bau der Weberkolonie wurde von Friedrich II. im Jahr
1750 befohlen, um böhmischen Handwerkern, die in ihrem Land wegen
ihrem evangelischem Glauben erfolgt wurden, und zum Glaubenswechsel gezwungen
waren, ein sichere Heimat ohne Glaubensverfolgung zu bieten und ein gewöhnliches
Leben als Weber oder Spinner zu ermöglichen. Diese Kolonie sollte
ca. 300 m nördlich des Dorfes Neuendorf auf einem teil seiner
Gemarkung angelegt werden.
Die Gemarkung Neuendorf erstreckte sich im Norden bis
zum Babelsberg. Die neuendorfer Bauern mußten damals eine Sandscholle
inmitten ihrer Gemarkung abgeben, damit das „Etablissement bei Potsdam"
errichtet werden konnte. Den Bauern blieb aufgrund der Peuplierungspolitik
nichts weiter übrig, als dieses Land abzugeben, weshalb die Beziehungen
der Neuendorfer zur Kolonie nicht gerade freundschaftlich waren.
Das Gebiet, auf dem jetzt die Kolonie gebaut werden sollte, stand jetzt
mitten im Weg, wenn die Bauern ihr Vieh durch den Eichenwald ( Babelsberg
) zur Tränke an die Havel treiben wollten. Zwischen der Kolonie und
Neuendorf verlief der Königsweg von Potsdam nach Zehlendorf. Die Kolonie
Nowawes ( zu deutsch: Neuendorf, wie das Dorf daneben ) wurde durch den
Obersten und späteren General Wolf Friedrich von Retzow in den Jahren
1751 -1754 angelegt und zwischen Alt - Nowawes und Mühlenstraße
in den Jahren 1764 -1767 von General Heinrich Wilhelm von Anhalt erweitert.
Wolf Friedrich von Retzow ( 1699 - 1758), Erbherr auf
Maelthow bei Nauen, war zuletzt preußischer Generalleutnant. Er stammt
aus der Mittelmark und wurde auf der Ritterakademie zu Brandenburg an der
Havel erzogen. Er trat 1716 als Fähnrich in ein Infanterieregiment
ein und wurde 1745 ´ Oberst Kommandeur des Bataillons Grenadier -
Garde `. 1747 übertrug ihm der König die Leitung des Generalkommisariats,
der obersten Verpflegungsbehörde für das Heer. Unter anderem
wurde ihm die Aufsicht und Verwaltung der Gold -, Silber - und Münzmanufaktur
übertragen. Außerdem wurde er bei der Urbarmachung des Oderbruchs
und zur Sicherung des Oderbruchs vor Überschwemmungen eingesetzt.
Nach der Teilnahme an der Schlacht von Hochkirch im Siebenjährigem
Krieg wurde er wegen seiner Tapferkeit zum Generalleutnant ernannt. Darauf
erkrankte er an Ruhr und starb am 5. November 1758 in Schweidnitz.
Kurz bevor Retzow am Oderbruch eingesetzt werden sollte,
erhielt er 1750 vom König den Befehl für die Errichtung der Kolonie
Nowawes die Bauleitung und Durchführung der gesamten Kolonisation
zu übernehmen. Es existieren weder Dokumente über diesen Befehl,
noch zum Entschluß des Königs zur Gründung von Nowawes,
Urkunden vom Aufbau von Nowawes sowie Ausführungspläne. All dies
soll bei der Schlacht von Hochkirch ( 1758 ) im Koffer des Generals verbrannt
sein. Nur ein Aufruf über den Befehl Friedrichs II zur Planung
von Nowawes. Darin heißt es : >>Nachdem Se. Königl. Majst. Im
Preußen allergnedigst resolviret [beschlossen hat], zum Dienst der
in Böhmen der Religion wegen verfolgten evangelisch - lutherischen
Glaubensgenossen, ein ganz neues Etablissement anzulegen, und mir unterschriebenen
die Vollmacht erteilt, dieses Werk in Stand zu bringen; als habe allen
und jenen, denen dieses vorgezeigt wird , und sie sich schließlich
entscheiden möchten, nach Berlin zu ziehen, die Versicherung geben
sollen, daß dieselben nicht nur allein aufgenommen, sondern auch
versorgt werden soll, das sie nebst ihren Familien, sich reichlich und
ehrlich ernehren können, welches auf Verlangen hierdurch attestierten,
und mit meiner eigenhändigen Unterschrift, auch angeborenen Pittschaft
[Siegel] bekräftigen soll. W. von Retzow.<< Unmittelbar danach,
setzte sich von Retzow mit der Böhmischen Brüdergemeinde in Berlin
in Verbindung, die ihm dabei half, die böhmischen Emigranten, die
sich schon bald in Sachsen, besonders in Dresden und Zittau, aber auch
noch in Böhmen aufhielten, zu motivieren, in die neue Kolonie überzusiedeln.
Gezeichnet wurde die städtebauliche Anlage von einem
Kondukteur und Feldmesser im Auftrag des Obersten von Retzow. Der
Kondukteur hat sich an zwei Trassen orientiert, die eine ist der Königsweg
und die andere ist eine Allee nach Glienicke. Beide durften nicht verändert
werden da beide Neuendorfer Viehtriften sind. Diese beiden Triften laufen
in etwa in einem 45° Winkel zusammen, was auf einer Karte von Suchodoletz
aus dem Jahre 1683 gut erkennbar ist. Das Grundgerüst der Wohnstraßen
besteht aus diesen beiden Triften und einem dreieckigem Kirch- Platz im
Zentrum. Es wird nicht ausgeschlossen, das der dreieckige Kirch- Platz
einer symbolischen Bedeutung zugrundeliegt, es ist jedoch wahrscheinlicher,
das der Entwerfer sich von der Erschließung und der Parzellierung
der Kolonie leiten ließ, daher von funktionellen Vorstellungen.
Nachdem das Grundgerüst, was aus den beiden Viehtriften
bestand, fertig war, mußten vom Entwerfer nur noch die Wohnstraßen
eingefügt werden. Es wurde eine fast parallele Straße zur Allee
nach Glienicke, in einem 60° Winkel zum Königweg, erstellt, diese
Straße war die Priester- Straße. Diese Straße lag
unmittelbar nördlich vom Eingang zu Neuendorf und war bereits vorher
ein Fußweg zwischen Neuendorf und Klein- Glienicke. Nördlich
der Priester- Straße, unter 41° zum Königweg und unter 79°
zur Priester- Straße entstand die Wald- Straße. Daraus bildete
sich ein ungleichseitiges Straßen- Dreieck mit einem annähernd
rechtem Winkel im Norden. Es bat sich nun an dieses Dreieck von Osten her
mit einer Stichstraße, der Mittel- Straße, bis hin zu einem
inneren Platz zur weiteren Parzellierung zu erschließen. Die Allee
nach Glienicke wurde nun noch beidseitig bebaut. Desweiteren wurde der
innen liegende Platz, der als Standort für die Kirche vorgesehen war,
durch vier Laufgassen mit dem Dreieck verbunden. Die Priesterstraße
wurde mit der Allee nach Glienicke, die die Neue Linden- Straße werden
sollte durch zwei weitere Laufgassen verbunden.
Die früheste Städtebauliche Skizze der Siedlung
von etwa 1750 ( siehe nächste Seite ) war ein wichtiges Dokument,
für den oben dargestellten Entwicklungsprozeß. Sie wird Christian
Ludwig Netcke zugeschrieben. Der hier rechteckige Kirch- Platz dient dazu,
die Parzellen in der Laufgasse zwischen Kirch- Platz und Lindenstaße
nicht allzu lang zu gestalten. Der Weberplatz ist jetzt allerdings richtig
dreieckig. Ein verbesserter Plan ist aber leider nicht erhalten. Für
eine spätere Erweiterung wurde eine neue Skizze gezeichnet.
Diese Erweiterung entspricht 50 neuen Kolonistenhäusern, zusätzlich
zu den bisherigen 155.Christian Ludwig Netcke, der Kondukteur von Nowawes,
wohnte im Jägerhof bei der königlichen Jägerei in der Oberwallstraße
in Berlin, schließlich war er dort Landmesser und Kondukteur. Von
1743 bis 1779 ist er im Jägerhof durch den Berliner Adreßkalender
nachweisbar. Dort wird er als Kondukteur und Feldmesser bei der Churmärkische
Krieges- und Domainen- Kammer aufgeführt. Netcke war Friedrich II
schon mehrmals tätig, und zwar 1746, bei der Anlage des Rebhuhngeheges
auf dem Höneberg und 1749 bei der Vermessung der Karpfenteiche bei
Bornim. Des weiteren hat er den Rehgarten am königlichen Weinberg
zu Potsdam gefertigt, nach Vorgaben des Königs und von Knobelsdorff´s.
Er erhielt seine Order direkt vom König. Auch bei der Planung von
Nowawes erhielt er mündliche Entwurfsvorlagen vom König, die
er einarbeiten mußte. Die Gestalt von Nowawes, die im Gegensatz zu
anderen friderizianischen Kolonien völlig ungeometrisch ist, ist auf
die Berücksichtigung eines bereits bestehenden Wegnetzes zurückzuführen.
Der erste Bauabschnitt [zurück]
Plan vom Dorf Nowawes von C. L. Netcke von 1750
Der Bau der ersten 49 Kolonistenhäuser begann 1751
am westlichen Ende der alten Linden- Straße ( Rudolf- Breitscheid
Straße ) . Sie wurden von Westen nach Osten zuerst auf der Nordseite
der alten Lindenstraße gebaut. Später wurde die 70m breite Allee
auf der Südseite bebaut. 1751 hatten sich die ersten Siedler bereits
eingerichtet, und im Herbst des ersten Baujahres waren es bereits 60 Familien.
1752 wurden weitere 50 Kolonistenhäuser errichtet, einschließlich
Predigerhaus und Schulgebäude. Diese liegen in der Priester- Straße
(Karl- Liebknecht Straße) und entlang der Westhälfte der Waldstraße
( Karl- Gruhl- Straße). Im Jahr 1753 wurden auf den Befehl des Königs
im östlichen teil der Waldstraße, im Osten und Süden des
Kirch- Platzes und entlang der Mittelstraße (Wichgrafstraße)
weitere 50 Häuser gebaut. Die Friedrichskirche die 1752/53 auf dem
Kirch- Platz, im Zentrum von Nowawes, errichtet wurde, entstand nach Plänen
des holländischen Baumeisters Johann Boumann. Johann Boumann der Ältere
(1706- 1776) war in Amsterdam geboren und hatte eine Zimmermanns- und Tischlerlehre
abgeschlossen. Friedrich Wilhelm rief ihm 1732 als Schloßkastellan
nach Potsdam. Boumann wurde mit einigen Aufträgen versehen. Er baute
das Holländische Viertel, das Bassin und einige Bauten, die von Knobelsdorff
entworfen hatte, z. B. Sanssouci. 1755 wurde er Königlich Preußischer
Baudirektor beim neu gebauten Oberbaudepartment in Berlin. Dort arbeitete
er bis zu seinem Tode. In der 6- Häuser- Straße (Garnstraße)
sollten 1754/55 noch 6 Kolonistenhäuser gebaut werden, außerdem
sollte die Straße die spätere Verbindung zum zweiten Bauabschnitt
bilden. Damit war der erste Bauabschnit abgeschlossen. Zu jedem Kolonistenhaus
gehörte ein Garten, dessen Maße umgerechent von Ruthen 75,2
x 27,5 m waren. Dieser Garten sollte von beiden Familien zur Verbesserung
des Lebensunterhalts dienen. Zu dieser Zeit gab es auch schon 21 Brunnen,
die den Kolonisten zur Wasserversorgung dienten.
Bis dahin entstandene Straßen und Plätze :
- Alte Linden- Straße ( 1751)
heute: Rudolf- Breitscheid- Straße
- Priester- Straße ( 1752)
heute: Karl- Liebknecht- Straße
- Waldstraße ( 1752/53)
heute: Karl- Gruhl- Straße
- Kirch- Platz ( 1752/53)
heute: Weberplatz
- Mittel- Straße (1753)
heute: Wichgrafgrafstraße
- 6- Häuser Straße ( 1754/55)
heute: Garnstraße
Als der siebenjährige Krieg begann, wurden
die Arbeiten an Nowawes eingestellt. Oberst von Retzow zog in den Krieg,
aus dem er nicht mehr wiederkam. Verwaltet wurde diese jetzt von der Königlich
Preußischen Chur- Märkischen Krieges- und Domainen- Kammer in
Berlin.
1759 sollen in Nowawes 681 Personen, überwiegend
Spinner, Weber, Etaminmacher und Tagelöhner, gelebt haben, und 103
Webstühle insgesamt in den jeweiligen großen Wohnstuben benutzt
wurden. 1769 sollen alle 155 Häuser des ersten Bauabschnitts bereits
von Webern, Spinnern, Wollstr7eichern, Bäckern, Schneidern und Schustern
genutzt worden sein. Diese kamen aus Böhmen, Württemberg, Sachsen,
Mark Brandenburg und einige auch aus der Schweiz.
Einteilung der Nowaweser Weber, Streicher u. Spinner
von Unternehmer Wolff an die Fabrikanten Fischer u. Lautensack
Aufgrund dessen, das General v. Retzow den Überblick
über den Bauablauf hatte, sind die späteren Berichte meist
ungenau, aufgrund der fehlenden Belege, die Retzow vermutlich in den Krieg
mitnahm. Außerdem fiel es der Churmärkischen Krieges- und Domainen-
Kammer außerordentlich schwierig, die Arbeit von Retzow fortzusetzen.
Im königlichen Baukontor sind nur noch einige wenige
Spuren der Retzowschen Bauausführung zu finden. Manger fand heraus,
das der damalige Bauschreiber des königlichen Baukontors „nothdürftige"
Tagebücher über Einnahmen und Ausnahmen führte. Erst nach
der Prüfung der vorgelegten Rechnungen erteilte der König die
Decharge (Entlastung). Danach sollten, nach Manger, alle Belege durch das
Feuer berichtigt werden. Deshalb fehlt in Mangers „ Baugeschichte von Potsdam"
eine Kostenaufstellung über die Kosten von Nowawes. Das ist auch darauf
zurückzuführen, das Retzow 1750/51 mit seiner Bautätigkeit
begann, aber erst seit 1752 bessere und vollständigere Tagebücher
existierten.
Lediglich über die ersten 100 Kolonistenhäuser
mit dem Pfarrhaus und dem Schulhaus ist ein von Retzow unterzeichneter
Summarischer Extrakt (Kostenfeststellung) über Einnahmen und Ausgaben
der Jahre 1751/52 überliefert. Belege für die restlichen 55 Kolonistenhäuser
fehlen, allerdings wurden Retzow auch nur für nachweislich 100 Kolonistenhäuser
Entlastungen gezahlt.
Zu weiteren Mißverständnissen führte
der oben genannte Summarische Extrakt, in dem bei den ersten 49 Häusern,
alle 1751, ein Haus mehr berechnet wurde. Im folgendem Jahr wurden dagegen
nun zwei Häuser weniger berechnet. Für diese Abrechnungen mit
einem falschen Bauvolumen scheint es mehrere Gründe gegeben zu haben.
Zunächst ist es möglich, das die Überprüfungsarbeit
ungenau erfolgte, desweiteren ist es auch möglich, das der Baumeister
Hartmann unter Zeitdruck stand und in der Eile für zwei Jahre eine
Rechnung machte, was nicht üblich war, da bis zu 31. 3. ein Kostenvoranschlag
für das folgende Jahr vorgelegt werden mußte.
Das eine oder das andere Problem der Materialbeschaffung
wußte Retzow zu umgehen gewußt- wahrscheinlich mit Billigung
des Königs. Erstattung für das Baumaterial erhielt man nur, wenn
man eine sog. Zuweisung vorlegen konnte. Außerdem bekam man Preisnachlaß,
wenn man nachweisen konnte, das es sich um königliche Bauten handelt.
Für die Baudurchführung der Kolonistenhäuser
wurden genaue Materialberechnungen vorgenommen. Im Fall, das das nur sehr
sparsam zu verwendende Bauholz nicht reicht, mußte die nötige
Menge vom Oberforstmeister des Potsdamer Forstes „abgefordert" werden.
Dieser sollte zunächst die Kiefern an der Havel verwenden. Für
das Predigerhaus, was qualitätvoller gebaut werden sollte, forderte
man Eichenholz an. Die für die Kolonistanhäuser nötigen
Kalksteine wurden aus Rüdersdorf geliefert. Diese gewünschten
Materialien wurden „Zoll- und schleusentrey" zunächst in Lastkähnen
die Nuthe aufwärts transportiert, und dann von Fahrzeugen oder von
Bauern auf Zweispännern auf die Baustellen gefahren. Mauersteine wurden
auch aus Plauen geliefert. Aufgrund von Auflagen, die es verbieten „Sparkalk"
zu nutzen, mußte richtiger Kalk aus den königlichen Beständen
gekauft werden. Für die Lieferung von Dachsteinen wurde ein Vertrag
mit dem Brandenburger Domkapitel abgeschlossen.
Retowische Bauabrechnung für die Jahre 1751/52
an König Friedrich II
Es ist allerdings auch vorgekommen, das die ersten unvermögenden
Kolonisten von Retzow 1290 Reichstaler zur Ansiedlung vorgeschossen bekamen,
nach welchem allerdings erst wieder zur anstehenden Abrechnung im
Jahr 1753 gefragt wurde. Gefordert wurde auch nicht richtig, denn wortwörtlich
wurde nur gefragt, „ wie es damit (mit dem Vorschuß) weiter gehalten
werden soll". Dadurch, das Retzow das Vertrauen des Königs genoß,
durfte er mit der Entlastungen nach eigenem Befinden weiter disponieren.
Die Decharge endet mit den Grußworten : „ Ich bin alstets Euer wolaffectionierter
König in Potsdam".
Der zweite Bauabschnitt [zurück]
Nach dem siebenjährigen Krieg wurde von General von
Anhalt - als Nachfolger von Retzow - der Bau von Nowawes als zweiter Bauabschnitt
in den Jahren 1764 - 1767 fortgesetzt, Manger übernahm die Ausführung.
Der Schweizer Heinrich Bientz wurde als Bauschreiber eingesetzt. Er lebte
bereit dort seit 1759 und besaß dort die zwei Kolonistenhäuser
Nr. 42 und 49. Heinrich Wilhelm von Anhalt ( 1734 -1801 ) war königlich
preußischer General der Infanterie a. D. Er wurde in der preußischen
Adjudantur ausgebildet, in die er 1759 eintrat. Aufgrund seiner Tapferkeit
auf dem Schlachtfeld von Liegnitz, wurde er 1760 vom König zum Hauptmann
ernannt und als Generalquartiermeister beschäftigt. Er wurde zum Träger
des Ordens pour le mérite ernannt und erhielt als „von Anhalt" einen
Schwertadelsnamen, beides geschah 1761. 1765 wurde er zum Generalquartiermeister
beförtdert, zum Oberst und zum ersten Adjutanten des Königs
ernannt. In diesen Ämtern blieb er bis 1781.
Oberhofbaurat und Baumeister Heinrich Ludwig Manger (
1728 - 1790 ) studierte beim Stadtbaumeister Schmiedlein in Leipzig. 1748
setzte er dieses an der Universität in Leipzig fort. Bis er 1753 Kondukteur
des königlichen Baukontors wurde, arbeite er im Ingeneurscorps bei
General von Fürstenhof in Dresden. Neben der Arbeit in Potsdam lernte
er Maurer in Potsdam und Zimmermann in Berlin. 1763 ernannte man ihn zum
Bauinspektor an allen königlichen Bauten. 1775 wurde er zu den Direktoren
der königlichen Bauten Carl Philipp von Contard und Georg Christian
Unger hinzugezogen. Nachdem Contard und Unger ihr Amt verließen,
blieb Manger bis 1786 alleiniger Direktor. Von ihm wurden meist Kasernen,
Bürgerhäuser, Brücken und Kanaleinfassungen gebaut. Außerdem
baute er Stallgebäude und die 55 Kolonistenhäuser der Erweiterung
von Nowawes. In seinen letzten Jahren verfaßte er dies dreibändige
„Baugeschichte von Potsdam". Er starb 1790.
Als Gründe für die Erweiterung von Nowawes
führt er auf: „ Weil es dem neuen Schloß und den vielen anderen
Bauern an Handwerksgesellen, und besonders an Mauren und Zimmerleuten fehlte,
so befahl der König, noch fünfzig Häuser in Nowawes an der
vom König Friedrich dem Ersten angelegten Eichenallee zu erbauen,
worinnen dergleichen Handwerker aus anderen Länder wohnen könnten.
... ".
Es wurden jedoch noch weitere Handwerker angesiedelt,
und Manger fuhr in seiner Beschreibung fort: „ Weil sich wieder einige
Handwerksgesellen gemeldet und deren noch viele und durch ausgeschriebene
Kommissarien in den Reichsländern angeworben wurden; so ließ
der König um ihnen freye Wohnungen anweisen lassen zu können,
in Nowaweß noch eilf neue KolonistenHäuser erbauen. ... "
Plan von der sog. Insel Potsdam nebst den umliegenden
Gegenden (Ausschnitt), 1774
Es folgt eine Übersicht zur Rekonstruktion des Bauablaufs
in Nowaes :
1. Bauabschnitt 1751 - 1754/55
Oberst Wolf Friedrich von Retzow
175117521752/5317531754/55 Alte Linden-StraßeAlte
Linden-Straße, Priester- und Wald-StraßeKirchplatzWald- und
Mittel- Straßeund östl Ende der Alten Linden- Straße6-Häuser-
Straße 49 Häuser: Nr. 1-4950 Häuser(incl. Prediger- u.
Schulhaus) :Nr. 50 - 99Friedrichskirche ( Architekt: Johann Boumann )50
Häuser: Nr. 100 - 114; 115 - 117; 118 - 1496 Häuser : Nr. 150
- 155
2. Bauabschnitt 1764 - 1767
General Heinrich Wilheln von Anhalt und Oberhofbaurat
Heinrich Ludwig Manger
176417651767 Neue Linden- Straße und 6- Häuser-
Straße11- Häuser- Straße6- Häuser Straße 41
Häuser: Nr. 156-194; 195 - 196 11 Häuser: Nr. 197-2073 Häuser:
Nr. 208- 210
Ab 1764 sollten eigentlich 50 neue Häuser gebaut
werden, statt dessen wurden allerdings nun 55 weitere Häuser gebaut:
Entlang der Allee nach Glienicke errichtete von Anhalt 41 Häuser nach
Plänen von Manger. 11 Kolonistenhäuser entstanden desweiteren
in der 11- Häuser- Straße, die 6- Häuser- Straße
bekam auch noch 3 Häuser.
Flogende Straße kamen hinzu oder wurden erweitert:
Neue Linden- Straße ( 1764 ) heute: Alt-Nowawes
11- Häuser- Straße ( 1765 ) heute: Mühlenstraße
6- Häuser- Straße ( 1767 ) heute: Garnstraße
Jetzt umfaßte die Kolonie ca. 72 ha Fläche
mit 210 Häusern für 420 Familien. Der Bau auf Kosten des Königs
wurde nun auf königlichen Befehl eingestellt. Im Jahr 1767 lebten
dort 1100 Kolonisten. Die Bewohner des ersten Bauabschnitts waren zu einem
drittel aus Böhmen. Im zweiten Bauabschnitt war es nur noch
ein Zehntel. Die Bewohner des zweiten Bauabschnitts waren größtenteils
Handwerker wie Zimmerleute, Maurer, Bäcker, Schneider, Schuster und
Gärtner. Diese Kamen aus dem Ausland, hieß es: aus Sachsen,
Mecklenburg, Thüringen, Schwaben, Schlesien, Böhmen und Holland.
Die Neuendorfer Bauern klagten über das neue Dorf,
welches ihnen ihren Weg zur Tränke versperrt, da es auf ihrer Hütung
gebaut sei. In ihrer Beschwerdeschrift schreiben sie, das es bei der Erbauung
des Dorfes gehießen habe, das diese Gegend nur aus wertlosen Sandschollen
bestünde, trotzdem sei es aber eine sehr gute Hütung für
ihre Schafe gewesen. Bei der Erweiterung von Nowawes gab es einen lang
anhaltenden Schreit über die Enteignung der Sandscholle, der erst
1766 mit einer Entschädigung der Bauern beigelegt wurde. Weitere Streitigkeiten
traten auf, als die neuendorfer Bauern ihr Vieh durch die „unordentlichen
Triftwege" der Siedlung trieben.
Der Anbau von Maulbeerbäumen [zurück]
Im Mittelpunkt Friedrich II. stand die Seidenzucht ,wie
berichtet wurde lag sie ihm sehr am Herzen, er ließ extra in Berlin
eine Königliche Seidenbau-Kommission einrichten, die in Preußen
über die Seidenraupenzucht berichten und Verordnungen herausgeben
sollte. Um den Seidenbau im ganzen Land zu verbreiten wurden Maulbeerplantagen
angelegt, betrieben wurden diese Anwesen von ausländischen Inspektoren,
zur Zucht der Seidenwürmer und zum Abhaspeln der Kokons. Laut Friedrich
II. sollten auch Kolonisten Maulbeerbäume unterhalten und die Seidenraupenzucht
pflegen. Aus dem Jahre 1750 besagt ein königlicher Erlaß über
die > Fortsetzung der Maulbeerplantagen und Vermehrung des Seidenbaus <,
es sei viel zu wenig Seide hergestellt worden und > zum Besten des
Landes < sollten viel mehr Maulbäume in Städten und Dörfern
auf den Straßen und vor den Häusern angepflanzt werden und von
den Bürgern gepflegt werden. 1786 berichtete Nicolai das die Maulbeerbaumpflanzung
unter Friedrich II. sich erheblich vermehrt haben soll. In der Potsdamer
Gegend auf Plantagen beim Jägerhof, in Nedlitz, Bornim, Bornstedt,
Werder, Geltow, Glienicke, Sacrow und Nowawes wurden 1784 21.005
Maulbeerbäume gezählt.
Aus Piemont ließ der König fast zweitausend
„ Seidenkultivatöre" [ Seidenanbauer] nach Potsdam kommen. Sie sollten
im Land die Herstellung von Seide verbreiten, damit sie nicht mehr teuer
aus Italien importiert werden muß, sondern von Seidenherstellern
aus den in der Potsdamer Gegend gezüchteten Kokons gefertigt werden
sollte. Im Jahre 1765 wurde auf Befehl des Königs ein > Seidentiragenhaus<
im ehemaligen Jagdhause gegenüber dem Jägerhof vor dem Jägertor
ausgebaut, und Säle für eine Maschine zum Seidenhaspeln wurden
ebenfalls errichtet. Später kam ein eingeschossiges Gebäude mit
einem Backofen zum Dörren sowie ein kupferner Kessel zum Abhaspel
der Seidenkokons und Kammern für Maulbeerblättern hinzu. Der
Mailänder Seidenkulturinspektor Catena hatte seit 1780 neben
der Produktion von Seide auch die Ausbildung von Küstern und Schulmeistern
in der Verarbeitung der Kokons zu verschiedenen Seidenqualitäten übernommen.
Durch die Aufstellung der <Einnahmen und Ausgaben von dem Königlichen
Seiden-Bau zu Potsdam< stellte sich heraus das in den Jahren 1780 und
1781 die Kultivierung der Seide und die Tätigkeit von Catena noch
nicht den erwünschte Ertrag brachte, so wurde zum Jahresende 1781
ein Verlust von 239 Reichstalern registriert.
Auch die Weber aus Nowawes sollten den Seidenbau pflegen,
nachdem 1780-1781 die Forstverwaltung auf Befehl des Königs
1.300 Maulbeerbäume auf dem Kirch-Platz und in den Alleen von Nowawes
gepflanzt hatte, wurden 1783 zwei Sandschollen der Neuendorfer
Gemarkung am Nord- und Ostrand der Kolonien für zwei neue Maulbeerplantagen
gewidmet. Dort wurden auf einer Fläche von 14 ha (56 Morgen) noch
4.483 Maulbeerbäume angepflanzt. Nach längeren Streitereien erhielten
die Neuendorfer Bauern zum Tausch 9 ha (36 Morgen) Forstland aus der Försterei
Steinstücken. Die Maulbeerbaum-Pflanzung und die beiden Plantagen
kosteten Friedrich II. 4.265 Taler die er aus seiner eigenen >Chatoulle<
bezahlt haben soll, mit der mündlichen Anweisung das in 6 Wochen die
Plätze dafür grün bewachsen seien sollen.
Die Schnackenbergsche Maulbeer-Plantage wurde am südwestlichen
Rand der Kolonie Nowawes am alten Königsweg, der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße
angelegt, der auch die Zufahrtsstraße zum Dorf Neuendorf war. Es
war nur eine kleine Plantage auf einer Fläche von 3 ha (12 Morgen)
mit 388 Maulbeerbäumen und einem >Etablissement< , ein Anwesen
für die Seidenzucht. Betrieben wurde diese Plantage von dem Seiden-Kultur-Inspektor
Schnackenberg aus England, der durch die Auflage für die Kolonie Nowawes
zu sorgen das lebenslange Nutzungsrecht der Maulbeerplantage erworben hatte.
Maulbeerbäume die unmittelbar vor den Häusern der Kolonisten
waren , waren eigentlich ein Geschenk des Königs für die jeweiligen
Eigentümer. Viele Bäume gingen wegen harter Winter und späteren
Frösten im Frühling ein. Im Jahre 1789 wurde erstmals festgestellt
das die Pflege der Maulbeerbäume nicht durchgängig gesichert
war, die Maulbeerbäume wurden zu oft vernachlässigt. 1797 ergab
eine Umfrage das nicht alle Kolonisten die Pflege der Maulbeerbäume
übernehmen wollten, einige Kolonisten lehnten die Maulbeerbäume
sogar ab. Der Maulbeerbaumbestand in Nowawes nahm rapide ab. Gegen Ende
des 18. Jahrhunderts wurde Predigern, Küstern und Schulmeistern in
der Umgebung Potsdams zusätzlich 400 oder 200, 100 wie auch 50 Taler
bewilligt, damit die Seidenraupenzucht weiter ging. Dieses Geld wurde verwendet
um Stuben in ihren Häusern so einzurichten bzw. anzubauen das sie
im Winter als Schulgebäude und im Sommer zur Seidenzucht genutzt werden
können. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von einem Nowaweser Lehrer
berichtet, der für den Umbau seiner Dachstube zum betrieb von
Seidenraupenzucht um Fördermittel anhielt. Schnackenberg und der Kantor
hielten als einzige den Seidenbau in Nowawes im Gange, die Weber dagegen
folgten den Aufforderungen des Königs hingegen nicht die Maulbeerbäume
zu nutzen.
Um 516 Bäume war der Maulbeerbaumbestand in Nowawes
reduziert. So wurden nur noch 14 Maulbeerbäume in der Mittel-Staße
(Wichgrafstraße), 26 Maulbeerbäume in der Linden-Strasse (Alt-Nowawes),
91 in der Priester-Strasse (Karl-Liebknecht-Straße) sowie 93
Bäume in der Wall-Strasse (Karl-Gruhl-Straße) und 272 Maulbeerbäume
in der Plantage am Kirch-Platz gezählt. Die kahlen Bäume wurden
zwar meist entfernt aber trotz Anweisungen die Bäume wieder nach zu
pflanzen war es nicht mehr möglich die Reduzierung der Maulbeerbäume
aufzuhalten. Nur 368 Bäume blieben 1840 übrig, die durch 117
Neupflanzungen teilweise ergänzt wurden. Von diesem Zeitpunkt an mußte
der Oberförster nur noch Linden und Kastanien nachpflanzen, weil nicht
einmal die Lehrer die Pflege der Bäume übernehmen wollten.
Erst nach 1853 gab es in Nowawes eine Wiederbelebung und
Förderung der Seidenkultur. Um die Herstellung von Nähseide zu
fördern, hatte das >Comite’ zur Aufhilfe des Nowawesser Webereibetriebes<
vorgeschlagen die Tradition Seidenkultur wieder zu beleben. Der Restbestand
der Maulbeerbäume stand nun unter der Obhut und Pflege des Comites’.
Dieser Umschwung wurden von mehreren Lehrern und Webern auch genutzt, die
gegen eine Pacht den Seidenanbau regelmäßig betrieben, sie erzielten
sogar kleine jährliche Einkommen damit. Der Kirch-Platz wurde von
dem königlichen Hofgärtner Hermann Ludwig Sello (1800-1876) der
unteranderem auch für die Parkanlage Sanssouci zuständig war
neu gestaltet, mit einer Gruppe von Bäumen und Ziersträuchern
ebenso wie mit befestigten Wegen die nun den Platz durchquerten. Die restlichen
Maulbeerbäume verschwanden in der nächsten Zeit, außer
einem der bis heute noch steht. An der Ecke Weberplatz/ Lutherstraße
ist dieser noch zu besichtigen.
Die Schnackenbergsche Maulbeerplantage am ehemaligen
Waisenfriedhof, 1832
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die drei Maulbeerplantagen
der Gemarkung Nowawes die ersten Erweiterungsgebiete der Kolonie. Bis ins
Jahre 1832 war die Plantage südwestlich der Kolonie noch von Schnackenberg
in Betrieb, nach seinem Tod wurde das Anwesen verkauft und ab 1860 wurde
es dann auch bebaut. Zur Gemarkung Nowawes wurden auf der Flurkarte von
1862 nur zwei Plantagen gezählt; die im Norden von der Wald-Strasse,
und die im Osten vom Plantagen-Platz liegenden. Im Jahre 1866 waren die
nördliche und ein drittel der östlichen Plantage schon parzelliert.
Die Plantage im Osten wurde zu einem kleinem Teil als Bauland ausgewiesen.
Die ehemalige nördliche Plantage war bis 1874 zum größten
Teil schon mit der Turn-Strasse, der Carl-Strasse und der Marien-Strasse
bebaut. Erst im Jahre 1866 wurde die ehemalige Plantage am Plantagenplatz
teilweise parzelliert und dann genauso teilweise als Bauland freigegeben.
Bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts blieb der südliche Rand
unbebaut und noch heute ist ein kleines Stück als Grünstreifen
verblieben. Die Flurkarte von 1911 zeigt das die Bebauung der beiden ehemaligen
Plantagen in diesen Jahren noch nicht abgeschlossen waren.
Nowaweser Kolonistenhaus von 1751 in der Linden- Straße
8 ( Rudolf- Breitscheid- Straße 77 ), der größere Typengrundriß
( v. Retzow). Bauaufnahme 1925/26.
Nowaweser Kolonistenhaus ( ehemaliges Schulhaus von 1572
in der Priester- Straße 10 (Karl- Liebknecht- Straße 27 ),
der mittlere Typengrundriß ( v. Retzow ). Umbauantrag, 1885.
Kolonistenhaus von 1752, Karl- Liebknecht- Str. 103.
Kurz nach 1900
II. Das eingeschossige Wohnhaus in der Kolonie
Nowawes
Das Kolonistenhaus Mitte des 18. Jahrhunderts [zurück]
Mitte des 18. Jahrhunderts standen die Häuser der
friderizianischen Spinner- und Weber im bewußten Gegensatz zu der
Architektur der Potsdamer Bürger- und Adelshäuser jener Zeit.
Diese Häuser waren anspruchslose Kolonistenhäuser aus einfachsten
Materialien, wie sie damals in der Mark Brandenburg gebaut wurden.
In den Spinner- und Weberdörfern, auch Kolonien
für die Heimarbeiter genannt, zeigte sich durchaus eine Weiterentwicklung
ihrer Bauweise. Als Rundlinge oder Rundplatzdorf wurden die preußischen
Siedlungen aufgrund ihres städtebaulichen Aufbaus oft bezeichnet.
Die Spinnerdörfer des Oder- und Wathebruchs unterschieden sich noch
ein wenig von den Büdner- und Arbeiterkolonien. Die angelegten Kolonien
für Heimarbeiter, um Potsdam und Berlin waren eher alle städtisch
geprägt, genau wie Friedrich II. es sich wünschte. Einige Siedlungen
bestanden nur aus einer Straße so zum Beispiel Gosen, Friedrichshagen,
und Marienwerder.
Die größeren Anlagen bestanden aus mehreren
geordneten und im Ebenmaß angelegten Staßenzügen. Meist
gab es einen besonders ausgestalteten Platz in Form eines Karrees oder
Achtecks, dessen Mittelpunkt durch einen Brunnen oder wie in Nowawes durch
eine Kirche hervorgehoben wurde. Bepflanzt wurden diese Plätze meist
durch mehrere Reihen Maulbeerbäume. Der verhältnismäßig
schmale Garten- und Durchfahrtsstreifen zu beiden Seiten jedes Doppelhauses
erzeugte den städtischen Charakter. Eine der größeren Anlagen
dieser Zeit war Zinna bei Jüterbog. Die größte friderizianische
Siedlung war jedoch Nowawes. Eine weiträumigere Bauweise war
in Nowawes möglich durch die weiteren und weniger tief zugeschnittenen
Parzellen als in Zinna.
Aus historischen Berichten geht hervor das die Weberkolonie
Nowawes einen ausgesprochen freundlichen Anblick bot. Die breiten mit Maulbeerbäumen
und Linden bepflanzten Straßen waren eine besondere Augenweide. Unter
anderem sind einige Straßenbreiten aus dieser Zeit genannt,
wie zum Beispiel die 71,6 m Breite Alte-Linden-Straße, die von 33,9
m auf 37,6 m erweiterte Priester-Strasse und die 30,6 m Breite Wall-Strasse.
Die neue Linden-Strasse hatte im Süden eine Breite von 35 m und im
Norden eine Breite von 45m.
Als Doppelstubenhäuser wurden die Kolonistenhäuser
in Nowawes bezeichnet. Es waren freistehende, eingeschossige, fünfachsige
Zweifamilienhäuser mit einem Querflur in der Mitte. Von dem auf beiden
Seiten eine Wohnung war. Auf beiden Seiten der Eingangstüren waren
zwei Fenster. Auch an den Türen zum Garten befanden sich auf beiden
Seiten Fenster. Nach den Wohn- und Lebensverhältnissen von Handwerkern
wurden diese Doppelstubenhäuser eingerichtet. Als zentraler Wohn-
und Arbeitsraum wurde die Stube genutzt. Dort befanden sich der Webstuhl
und das Spinnrad. Die Küche war im Flur oder hatte einen eigenen Raum.
Die Schlafkammer befand sich an der Hofseite. Eigens für Nowawes wurde
dieser Grundrißtyp nicht entwickelt, er war vermutlich schon einige
Zeit als Haustyp in Gebrauch. In Teltow, einer Vorstadt von Potsdam, wurde
1751/52 einige Kolonistenhäuser nach dem größeren Grundriß
der Nowaweser Häuser errichtet, so zum Beispiel in der Schützen-
und Saarmunder Straße. Auch auf dem Lande wurde dieser Haustyp nun
genutzt, wie ein Familienhaus in Schulzendorf bei Tegel zeigt. Selbst um
1800 wurde dieser Grundriß des Doppelstubenhauses noch verwendet,
im Dorf Kladow bei Spandau belegen dies zwei Beispiele.
Obwohl in der Kolonie verschieden große Häuser,
unter königlichen Befehl von General Retzow und General von Anhalt
gebaut wurden, sahen sich die 210 Kolonistenhäuser ziemlich ähnlich.
Durch ihr gutes Verhältnis von Höhe und Breite sowie von den
Wandfläche und Öffnungen angenehm proportioniert und dem hellen
Putz wirkten sie einfach. Teile der Innenwände wurden durch in Fachwerk
mit Lehmausfachung errichtet. Ursprünglich waren die Fenster als barock
Kreuzstockfenster ausgeführt. Mit größerer schreinermäßiger
Sorgfalt wurden die Eingangstüren als gestemmte oder aufgedoppelte
Türen gearbeitet. Hier und da ist noch das schön klassische Traufgesims
der Häuser erhalten. Ein doppelt stehender Dachstuhl trug in der Regel
das mit einer Dachneigung von 45° Kehlbalkendach. Je nach bedarf wurde
das Dachgeschoß später als zusätzliche Schlafstätte
oder Wohnfläche ausgebaut. In einigen Fachwerken gibt es gelegentlich
noch erhaltene Giebel. Das Dach war vermutlich mit einem Halb- oder Krüppelwalm
ausgebildet. Aus Brandschutzgründen wurden wahrscheinlich schon von
Anfang an mit Dachziegeln, möglicherweise sogar schon mit Biberschwanzziegeln
gedeckt. Ein Schuppen oder Stall gehörte zu den meisten Grundstücken
dazu, daneben befand sich dann gleich ein Abort. Auf dem Hof hinterm Haus
war immer ein Nußbaum gepflanzt.
Der Grundriß der Nowaweser Kolonistenhäuser
war symmetrisch. Das Haus wurde in der Mitte durch den Querflur in zwei
Hälften geteilt, für die beiden Wohnungen. Aus der Einwohnertabelle
von 1769 wo >Wirth und Miether< aufgeführt sind erfährt man
zum Beispiel das die Kolonistenhäuser von Anfang an als Zweifamilienhäuser
gebaut wurden. Die Weber stellten ihre Webstühle in der zweifenstrigen
Stube auf, die vereinzelt noch ein Fenster an der Giebelseite hatten. Dahinter
war eine kleine Kammer die durch einen Kriechkeller höhergelegt wurde.
Wenn die Kochstelle nicht im Flur lag war sie ebenfalls in dieser Kammer.
Als >Schwarze Küche< wurden die Küchen bezeichnet die sich
im dunklen Flur befanden, die Küchen die als >Weiße Küchen<
bezeichnet wurden befanden sich hinter der Stube an der Hofseite, sie wurden
durch den Hof belichtet. Fast alle Häuser waren nicht Unterkellert.
Um die aufsteigende Feuchtigkeit abzuhalten gab es verschieden Methoden
den Fußboden im Erdgeschoß zu gestalten, zum Beispiel aus gestampftem
Lehm, manchmal aus einem in Sand verlegten Ziegelboden oder aus Dielen
die auf einem in den Boden eingeschlagenen Pfahlrost mit darauf quer gelegten
Kanthölzern. Zur Zeit von Friedrich II. war Bauholz eine Mangelware.
Immer wieder wurden die Leute darauf aufmerksam gemacht das es Bauholz
nicht in Übermenge gab. Beim bauen von Häusern wurde oft schon
auf Holz verzichtet wegen der schon im 18. Jahrhundert vorhandenen Sicherheitsbestimmungen
zur Vermeidung von Bränden. In dieser Bestimmung wurde auf eine dauerhafte
und feuersicher Bauart hingewiesen. Selbst die Giebel durften nicht mehr
mit Brettern verkleidet werden, sie mußten aufgrund von Brandgefahr
massiv gemauert oder mit einem Lehmanstrich versehen sein. Holzdielen sollte
nur als Fußbodenbelag verwendet werden wenn es unbedingt Notwendig
war, andernfalls sollte der Boden mit einem Lehmanstrich versehen werden
oder mit Ziegeln ausgelegt werden. Auf Grund von Brandgefahr wurden die
Häuser in Nowawes massiv gebaut, wenn es auch die Baukosten
in die Höhe trieb.
Links: Beispiel eines Doppelstuebnhauses aus Landsberg
an der Warthe, um 1770
Mitte, Rechts : Beispiel eines Doppelstubenhauses aus
Potsdam, Teltower Vorstadt, Schützenstr. u. Saarmünderstr., 1751/52
Man ging davon aus das die Retzowschen Häuser genauso
groß waren wie die von Manger 1798 angegebenen ersten 150 Häuser
in Potsdam, mit 45 Fuß Länge und 32 Fuß Tiefe. So war
es aber nicht. Eine bauhistorische Untersuchung der Kolonistenhäuser
ergab das es von Retzow zwei verschieden große Typengrundrisse gab.
Im ersten Bauabschnitt 1751-54 und im zweiten Abschnitt 1764-67. Für
den Bau der 210 Kolonistenhäuser im 18. Jahrhundert wurden drei verschieden
Typengrundrisse verwendet. Die Maße der drei Grundrisse , ohne später
Anbauten waren:
Übersicht über die drei Haustypen in Nowawes
1751-1754 und 1764-1767
Haustypen
Abmessung in Fuß und Meter
Grundfläche
der größere Typ (Retzow)
30 x 40 Fuß = 9,42 x 12,56 m
118,3 qm
der mittlere Typ (Retzow)
25 x 38 Fuß = 7,85 x 11,93 m
93,7 qm
der kleinere Typ (Manger)
26 x 36 Fuß = 8,16 x 11,30 m
92,2 qm
Unterschieden werden können die drei Typen nicht
nur durch ihre Abmessungen, sondern auch durch die Grundrißgliederung.
Zum Beispiel hat der größere Typ von 30 x 40 Fuß für
beide Wohnungen eine Weiße Küche, der mittlere Typ verfügt
nur über eine gemeinsame Schwarze Küche mit zwei Kochstellen,
der kleinere Typ von Manger hatte auf Grund der größeren Haustiefe
je eine Weiße Küche für beide Familien.
Diese Kolonie mit ihren breiten Alleen , meist mit Reihen
aus Maulbeerbäumen bepflanzt, und Straßen, Laufgassen und dem,
ebenfalls mit Maulbeerbäumen bepflanztem, Weberplatz war weit mehr
als nur eine Kolonie, ein Dorf. Es war wohl er eine Weiterbildung des Straßendorfes
zur städtischen Anlage. Diese breiten Alleen sind vermutlich auf die
Forderungen der Neuendorfer Bauern zurückzuführen, da diese dort
noch bequem ihr Vieh durchtreiben wollten. Die Anlage Nowawes veränderte
sich über Jahrzehnte nicht. Erst 1860 wurde die Anzahl der Häuser
von 210 auf 280 erhöht. Die Bevölkerung bestand zu dieser Zeit
bereits aus fast 4000 Menschen.
Das Leben der Weber in der Kolonie Nowawes
Der Alltag in der Kolonie [zurück]
Bereits 1737 wurden von Friedrich Wilhelm I in Böhmisch-
Rixdorf böhmische Exulanten aufgenommen und angesiedelt. Als eine
neue Welle der Verfolgung in Böhmen und Österreich einsetzte,
blieb vielen Protestanten nur der Weg ins Exil. Seit dem Edikt von Potsdam,
womit der große Kurfürst Friedrich Wilhelm Preußen
öffnete, galt Preußen als tolerantes Zufluchtsland.
Im 18. Jahrhundert fanden insgesamt 17000 glaubensverfolgte
Böhmen in Preußen Zuflucht; ihre Wohnorte wurden Dörfer
bei Berlin, wie Schöneberg, Friedrichshagen, Schönerlinde, Bockhagen,
Münsterberg und die neue Kolonie „Etablissement bei Potsdam". Aufgrund
dessen, daß in Böhmisch- Rixdorf Mitglieder der Böhmischen
Brüdergemeinde lebten und diese Kontakt zu anderen glaubensverfolgten
Böhmen hatten, ergab sich unbewußt eine Werbung für das
neue „Etablissement bei Potsdam".
Aus den Einwohnerlisten geht hervor, daß die Böhmischen
Brüder nur spärliches Gepäck und Vermögen mitbrachten.
Dafür kam aber eine tiefverwurzelte Religiosität und geistige
Nähe zu ihrem letzten Bischof, Theologen und Pädagogen ( der
Letzte der Böhmischen Brüdergemeinde ) Johannes Amos Comenius.
Er blieb ihr geistiger Weggefährte auch noch in diesem fremden Land.
Die Philosophie von Comenius lehrt, daß das Paradies keine ferne
Utopie, sondern diesseitig realisierbar sei. Zum gelingen eines Paradieses
schlägt Comenius eine selbstbestimmende geistige Haltung - „Selbstsehen,
Selbstsprechen und Selbsthandeln" - vor. Er wird bis zum heutigen
Tag verehrt und wird als „Friedens- Vordenker" bezeichnet.
Noch zu Lebzeiten von General Wolf Friedrich von Retzow
blieb ihm und seinem Bauschreiber allein die Verwaltung überlassen.
Deshalb haben die Kolonisten selbst einen Ältesten und zwei Unterälteste
bestimmt. Nach dem Tod von Retzow und der Verwaltungsübernahme der
Königlichen Chur- Märkischen Krieges- und Domainenkammer in Potsdam
wurde Kriegsrat von Linger zum Commissarius der Kolonie ernannt. Er sollte
die Organisation der Kolonie strukturieren. Desweiteren hatte Berichte
über die Einwohner anzufertigen und Seelenlisten zu führen. Linger
hatte allerdings große Vorbehalte gegen die „verstockten Gemüter"
der Kolonisten und deren Sittenlosigkeit und fehlenden Ordnungsinn.
Es war anfänglich unklar, ob Nowawes den Status
Dorf oder Ort erhält. 1759 wurde dieses Problem mit dem Status Dorf
geklärt. Erst seit 09.02.1839 galt Nowawes als Ort, was nun die Organisation
des Gemeinde-Bezirks und seine Verwaltung regelte. Wer jetzt dort ansiedeln
wollte, mußte sich erst vorheriger polizeilicher Prüfung unterziehen.
Desweiteren mußten sie ihren bisherigen Lebenswandel darlegen, und
die Aussicht auf einen Erwerb im Ort nachweisen.
Wenn alles in Ordnung war, erhielten sie dann ihre Zugangsgenehmigung.
Ein neues Statut für das Garngewerbe in Potsdam und
Berlin ersetzte am 15.08.1780 die alten Regeln. Neue Regeln sind folgende:
Wer Meister werden wollte, mußte Lehre, und Wanderjahre nachweisen,
und dem Prüfungs-Comité ein Meisterstück vorlegen. Fremdes
Garn durfte nicht veruntreut werden. Die Strafe wäre der Ausstoß
aus dem Gewerk. Lehrlinge sollte lesen und schreiben beigebracht werden,
außerdem sollen Lehrlinge nach der Lehre auf eine dreijährige
Wanderschaft gehen. Gesellen die nach 22 Uhr kamen, bzw. die ganze Nacht
wegblieben, hatten, wenn der Meister sie anzeigte, 2 , bzw. 6 Groschen
zu zahlen.
In der Anfangszeit wurden von den Böhmen eine eigene
Kirchen- und Schulgemeinden gebildet - die „Böhmische Gemeinde". Die
Übrigen Bewohner gehörten zur „Deutschen Gemeinde". Die evangelischen
Gottesdienste beider Parteien fanden nacheinander auf Tschechisch und Deutsch
in der Friedrichskirche statt. Dort wirkte anfangs nur ein Prediger, später
kamen aber noch zwei Küster hinzu. Nicolai merkte dazu an, daß
es eine lutherische böhmisch - deutsche Kirche sei. K. Friedrich II.
ließ diese Kirche mit der Wohnung des Geistlichen erbauen. Der Prediger
bekäme 200 Rtlr. ( Reichstaler ). Aus der Hofstaatskasse. Die dortige
reformierte Gemeinde gehörte zur reformierten Gemeinde der Heiligen
Geistkirche in Potsdam. In der dortigen Gemeindeliste wurden nachweisbar
von 1752 bis 1766 alle Taufen, Trauungen und Verstorbenen der böhmischen
und der deutschen Gemeinde aufgeführt. In dieser Zeit trauten sich
44 böhmische Paare und 51 deutsche Paare, es fanden 195 böhmische
und 355 deutsche Taufen statt und 161 Böhmen sowie 308 Deutsche starben.
Das Kirchensiegel der Friedrichskirche zeigte ein Schild
mit einem Wandersmann, darüber der preußische Adler und eine
Umschrift, die lautete: „ pod twau ochranau - p. cyrkwe w Nowe Wsy" ( unter
deinem Schutz - Kirche von Nowawes ). Um das Schild und den Adler stand
in einer weiteren Umschrift „Siegel v. Nowawes". Im laufe der zeit ist
die Kirche mehrfach instandgesetzt und auch durch Anbauten von Sakristei
und Treppenhäusern erweitert worden.
Nachdem gegen Ende des 18. Jh. beide Gemeinden integriert
wurden, verschwand der böhmische Gottesdienst, so daß es nurnoch
eine deutsche Kirchen- und Schulgemeinde gab. Nur die ersten drei Prediger
von Nowawes waren böhmischer Abstammung, 2 davon waren M. Mogzis und
J. Kropatschek. Die Folgenden, u. a. Julius Münich ab 1809 waren deutscher
Herkunft.
Die Schule war von Anfang an getrennt, und jedes hatte
seinen eigene „Schulhalter". Das böhmische Schulhaus stand neben dem
Pfarrhaus in der Priesterstraße ( Karl- Liebknecht- Str. 27). Das
deutsche Schulhaus stand am Kirchplatz ( Weberplatz 13 ). Die Schulen wurden
von der königlichen Baukasse unterhalten. Ein dritter Schulhalter
kam 1775 dazu. Diese waren meist auch Handwerker, da sie für ihren
Lehrerberuf wenig Lohn erhielten. Nachdem der letzte böhmische Lehrer,
der zugleich auch Küster und Seidenraupenzüchter war, Namens
Chraust 1801 starb, endete der Unterricht in böhmischer Sprache und
wurde durch deutsche ersetzt. Mit der Erweiterung von Nowawes entstand
in der Friedrich- Straße ( Garnstraße ) ein „reformiertes
Schulhaus", da sich eine kleine evangelisch - reformierte Gemeinde etabliert
hatte. Aufgrund dessen, daß in der Priesterstraße ein neues
Schulhaus im Stil der Weberhäuser - nur in größeren Abmessungen
- entstand, wurden die alten Schulgebäude zu Wohnungen für Lehrer
umfunktioniert. Das neue Schulhaus wurde allerdings 1906 wieder abgerissen.
Aus der Einwohnertabelle von 1759 geht hervor, daß
es in Nowawes 681 Einwohner zu dieser zeit gab. Das davon 2/3 deutsche
sind, liegt daran, daß die deutschen zu größeren Teilen
verheiratet waren und im durchschnitt mehr Kinder hatten. Die böhmischen
Kolonisten waren meist unverheiratet und wenn hatten sie nur 1 oder 2 Kinder,
jedenfalls zu Beginn der Koloniegründung. Die Einwohnertabelle für
den zweiten Bauabschnitt führt auf, daß auch nur 1/10 der dortigen
Einwohner aus Böhmen kommen. Der Rest kommt meist aus anderen deutschen
Ländern.
Die Böhmen stellten in der Kolonie eine dennoch
starke Minderheit dar. Sie prägten die Kolonie in religiöser,
sozialer und handwerklicher Hinsicht. Sie gaben der Kolonie den Namen „
Nowa Wess", bis dahin hieß die Kolonie noch „Etablissement bei Potsdam",
danach „Böhmisch- Neuendorf", bis schließlich die Böhmen
es „Nowa West", bzw. „Nowawess" und schließlich „Nowawes" nannten.
Der Name sollten oft geändert werden, doch es wurde lange Zeit nicht
durchgesetzt. Erst am 1. April 1938 erhielt es vom Öberpräsident
der Provinz den Gemeindenamen „Babelsberg".
Die königliche Schenkung[zurück]
Das Leben der Siedler in der Kolonie Nowawes war äußerst
beschwerlich. Nach dem Tod von Retzow waren die Rechtsverhältnisse
ungeklärt. Laut den Edikten sollten die Häuser vererbbares Eigentum
der Kolonisten bleiben. Das waren sie auch, nur ließen die Grundbriefe
lange auf sich warten. Erst auf massiven Druck der Bevölkerung, wurden
die Grundbriefe erstellt.
Am 10. August 1762 wendeten sich die Kolonisten selbst
als „böhmische Colonie" an die Chur- Märkische Krieges- und Domainen-
Kammer. Auf den Willen des Königs sollte jeder Kolonist ein Gnadengeschenk
von 50 Taler als Grundausstattung erhalten. Nur die ersten erhielten die
volle Summe, bei dem Rest wurde es mit steigender Menge immer weniger von
dem, was ausgezahlt werden sollte. Retzow hatte auch mündlich versprochen,
den Weberei-Betrieb ökonomisch zu stabilisieren und die restlichen
Gelder nachzuzahlen. Um das alles fühlte man sich betrogen. Eine weitere
Kritik, die die Kolonisten äußerten war, das der Standort der
Kolonie ungünstig gewählt sei, da die Gärten wegen des sandigen
Bodens nicht kultiviert werden können, und deshalb diese nicht als
zusätzliche Nahrungsquelle in Betracht gezogen werden könnten.
Nicht lange nachdem die Kolonie fertiggestellt war und
die ersten Bewohner eingezogen waren, begann ein reger Verkauf der Häuser
durch die einzelnen Kolonisten, um der Mittellosigkeit zu entgehen. Ab
1761 durften Häuser nur mit Zustimmung der Chur- Märkischen Krieges-
und Domainen- Kammer verkauft werden. Einige Eigentümer waren nach
kurzer zeit schon hoch verschuldet und gezwungen, die zweite Haushälfte
für 25 - 30 Taler zu verkaufen anstatt sie zu vermieten. Manche versuchten
auch, die geschätzte Verkaufssumme des Hauses von 345 Talern gerichtlich
eintragen zu lassen, um beim Verkauf wenigstens einen Teilbetrag zu erhalten.
Aufgrund dessen hatte sich der Magistrat zur Festigung der Rechts- und
Besitzverhältnisse in Nowawes 1764 auf Befehl der Chur- Märkischen
Krieges- und Domainen- Kammer dazu entschlossen, im Namen des Königs
für alle Kolonistenhäuser nachträglich Donationsbriefe zu
erstellen und diese nachträglich im „Grund- und Hypothekenbuch der
Colonie Nowawes" einzutragen.
In den Donationsbriefen stand das Eigentum am Kolonistenhaus
und am dazugehörigen Garten.. Der Eigentümer wurde verpflichtet
die zweite Haushalte für die ersten 6 Jahre zu vermieten. Dieser Mieter
sollte auch ca. 170 m³ im Garten bekommen, die er bestens nutzen sollte.
Ab dem Jahr 1778 regelte der Erbschaftserlaß den Verkauf von Kolonistenhäusern.
Dieser war verboten, wenn das Haus nicht schon in die 3. Generation der
betreffenden Familie vererbt wurde.
Die Auszahlung der einmaligen Benefiziengelder verhielt
sich weiterhin schwierig. Im Jahr 1768 wurde noch einmal Unterlagen vom
Sohn Retzows angefordert. Daraus ging hervor, daß Retzow scheinbar
mit Wissen des König, aber ohne zusätzlichen finanziellen „Fonds"
eine „Cattun- fabrique" betrieben hatte. Retzow hatte also für einige
Weber eine Art Betrieb mit Warenein- und Ausgängen gegründet
hatte. Er benötigte allerdings kein neues Gebäude, da alles in
Heimarbeit stattfand. Die nötigen Gelder, die für den betrieb
des Betriebes nötig waren, brachte er zum Teil selbst ein. Es blieb
jedoch unklar, ob Retzow auch Gelder des Königs, die für die
Kolonie vorgesehen waren, dafür genutzt worden. Die Kammer erhielt
bei weiterem Nachfragen unterschiedliche Antworten. Regiments- Quartier-
meister Hartmann berichtete folgendes: Retzow wollte mit dieser Fabrik
der dauerhaften Sorge der Kolonisten um ihr Wohlergehen entgegenwirken
und ihnen eine dauerhafte ökonomische Basis schaffen wollen. Es sollen
auch mündliche Absprachen mit dem König stattgefunden haben,
Schriftliches sollte aber erst bei der Übergabe der Kolonie an das
Magistrat erstellt werden. Retzow sollte auch 500 Taler aus den Mitteln
des Koloniebaus entnommen haben, da dies aber ungenügend war, steuerte
er den Rest aus persönlichem Vermögen bei. Der erste Prediger
berichtete unter anderem, daß Retzow mit dem wirtschaften der
Kolonisten nicht einverstanden war und einige Kolonisten die Kolonie fluchtartig
verlassen hätten, weshalb sich Retzow entschloß, die Benefiziengelder
nach 10 Jahren als Gewinn des Betriebes auszuzahlen. Es folge ein Prozeß,
der nur ergab das den Kolonisten zusätzliche Benefiziengelder in Höhe
von 5 Talern pro Jahr ausgezahlt wurden.
Die ganze Aktion führte nur dazu, daß den
Kolonisten kaum „Vortheile" gewährt wurden und ihnen kein auskömmliches
Leben gesichtet wurde, falls sie sich in preußischen Landen niedergelassen
hatten. Die Chur- Märkische Krieges- und Domainen- Kammer wurde statt
dessen durch die ständigen Klagen der Kolonisten über ihre bedrohlichen
Lebensbedingungen bekannt. Die Kammer hätte allerdings großzügiger
seien können, da selbst auf Einwilligung des Königs kaum weitere
Benefiziengelder gezahlt wurden und manche Kolonisten so nie die ihnen
zustehenden Gelder erhielten.
Der Gewerbebetrieb [zurück]
Nach der Entstehung der Weberkolonie wurde die Not, das
Elend und die geringen Erwerbsquellen der Weber beklagt und auch noch viele
Jahre später. Der Regierungsrath und Kommisarius des königlichen
Oberpräsidiums, August Wichgraf, der für die Kolonie (1850)den
amtlichen Auftrag zur Beseitigung der Not in der Kolonie sorgen sollte,
schreibt 1862 daß schon seit der Gründung die Kolonisten ständig
Elend zu erleiden. In der Kolonie waren nur Weber dessen Handwerk nur das
Weben war. Die Weber waren nicht einmal wehrend der Hochkonjunktur
in der Lage ihren täglichen Lebensunterhalt sich zu verdienen. Die
Weber wurden zu Bettlern degradiert, in den Zeiten, wo Mangel an Aufträgen
herrschte. Sie sind als „Nowaweser Bettler" berühmt gewesen,
da sie sich von den Neuendorfer Bauern ,Kartoffel und Rüben stehlen
mußten. Die Fabrikanten hatten sich schon wenige Jahre nach der Gründung
bei den Aufsichtsbeamten über die schlechte Arbeit und das Stehlen
von Rohstoffen beschwert. Die Fabrikanten meinten die Weber würden
damit einem unerlaubten Gewerbe nachgehen. Diese und andere Klagen hatte
Wichgraf fast hundert Jahre später erst überprüft und kam
zu dem Schluß das diese Notstände durch die schlechten Bedingungen
und dem Fehlen von dauernder Arbeit aufgetreten sind. Es wurde bei der
Ansiedlung der Weber großen Wert gelegt, gut qualifizierte und wohlhabende
Webermeister in die Kolonie zu holen, aber ihre Existenz konnten sie mit
einem Zwangsverhältnis zu den Fabrikanten nicht aufrecht erhalten.
Denn sie durften ihre Erzeugnisse zu bestimmten Preisen an die Fabrikanten
abgeben. Es gab nur Wenige die ihre Waren frei verkaufen durften, zu dieser
Zeit hatten die Weber in der Brudergemeinde schon das Recht ihre Waren
frei zu verkaufen.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren in der ganzen
Kurmark und besonders im Potsdamer-Berliner Raum viele Textilmanufakturen
entstanden. Sie produzierten z.B. für die königliche Armeeausstattung.
Es wurden die verschiedensten Stoffe, wie Kattun (Baumwolle), Hanfleinen,
Leinen und Seide von den Tuchfabrikanten geliefert. Oberst von Retzow
hatte nach der Gründung von Nowawes seine Vertriebskonzession an die
Witwe des Kattunfabrikanten Benjamin Elias Wulff wahrscheinlich verkauft
und mit einem Vertrag, der die Zusicherung enthielt, daß die Weber
und Spinner von Nowawes übernommen werden sollten und diese mit einem
festen Lohn zu bezahlen, sowie sie dauernd zu beschäftigen. Sie sollten
auch mit Kattun (Baumwolle) bekommen. Die Nowaweser Kattunfabrik hatte
27 Webstühle als sie von den Unternehmern Wulff & Söhne.
Das Kapital von Oberst von Retzow betrug 5500 Taler und diese sollten bei
einem jährlichen Zinssatz von 6% in dieser Fabrik belassen werden.
Im Vertrag war festgelegt, daß die 5500 Talern als Warenlagers, als
bares Geld eingegangen sein. Der Lohn betrug, wie im Vertrag festgelegt
war, bei Wulff & Söhne einen Groschen, zwei Pfennig und der Preis
für 1 Pfund Webware (Baumwolle) betrug einen Groschen, neun Pfennig.
Im Vertrag war geregelt das die 27 Weber, Spinner und Streicher sich verpflichteten,
nur für das Unternehmen Wulff zu arbeiten.
Im Jahr 1759 waren laut Einwohnertabelle schon 57 Weber,
56 Spinner, 12 Etaminmacher und
5 Wollstreicher tätig. Es arbeiteten von 103 Webstühlen
nur 23 Webstühle frei und die anderen arbeiteten mit Verträgen
für Fabriken.
Die alten Archivdokumente belegen noch heute welche Entbehrungen
die Weber erleiden mußten, nur für bessere Arbeitsverhältnisse,
dies dauerte noch bis ins 19. Jahrhundert an. Es herrschte hier ein Zwangsverhältnis
zwischen den Fabrikanten und den Nowawesern Webern und dieses führte
zu Streit auf beiden Seiten. Es gab ein regelrechtes Verbot für andere
Fabrikanten zu arbeiten, aber da die Weber ihrer Meinung zu wenig Lohn
bekamen und ihnen minderwertige Baumwolle, die nicht ausreichend vorhanden
war, arbeiten sie trotz des Verbotes für andere Auftraggeber. Es führte
zu häufigen und peinlichen Kontrollen. Die Witwe Wulff verfügte
auch, die Weber müssen eine Kaution für den Kattun hinterlegen.
Die Kaution betrug einen Teil des Lohns. Die Kaution wurde eingeführt,
da zu viel gestohlen wurde. Darauf wurden Zwei Beamte eingesetzt, es war
ein Fabrikrichter und ein Fabrikinspektor.
Es zogen sich noch über mehrere Jahrzehnte Klagen
beider Seiten hin, worin die Unternehmer auf ihre Verträge sich beriefen
und die Weber wollten ihre handwerkliche Freiheit. Es schrieben im Januar
1759 alle 27 Weber, die dem Fabrikanten Wulff unterstanden, an den Kriegsrat
Linger und baten bei ihm um Hilfe. Sie schrieben es mangelte im vorangegangen
Winter ihnen an genügend trocken Brot. Der Kriegsrat sollte darauf
hin den Fabrikanten Wulff anzuweisen besseren Kattun zu liefern und noch
dazu den gleichen Lohn, wie den Webern in Berlin, zu zahlen. Außerdem
erwähnten sie in ihrem Bittschreiben, daß der König selbst
gesagt habe, das jeder böhmische Kolonist in Preußen Freiheit
habe und sie keine Sklaven seinen. Diese Freiheit habe er auch schon anderen
Kolonisten gewährt. Mitte Februar 1759 schrieben direkt an Friedrich
II. ein Bittschreiben um ihre persönliche Lage zu schildern. Sie forderten,
der König möge verfügen, der Kattun, welcher ihnen gewaltsam
genommen wurde, solle ihnen zurück gegeben werden und ihnen soll freigestellt
werden, ob sie frei oder mit einem Vertrag für einen Fabrikanten arbeiten.
Aber die Witwe Wulff wies darauf den Kriegsrat Linger an, den Weber anzuordnen,
wer die Arbeit verweigere, dem sollen alle Materialien weggenommen werden
und ihm drohe eine Gefängnisstrafe oder die Verjagung aus dem Dorf.
Im Jahr 1759 legte die Märkische Kriegs- und Domainen- Kammer fest,
wer für einen anderen Fabrikanten arbeite oder die Arbeit verweigere,
dem drohe eine Gefängnisstrafe. Einige Weber widersetzten sich diesem
Verbot und einige flohen vor der zu erwartende Gefängnisstrafe in
andere Orte. Die Weber ließen oft ihre Familien zurück in Nowawes.
Eine andere Folge war das vielen Weber auch zurück nach Böhmen
mit ihren Familien. Es gab aber weiterhin Klagen von den Fabrikanten Wulff
über die schlechte Arbeit der Weber und erklärte schließlich,
das er 66 Webstühle mit Meistern und Gesellen im Gange hat und nicht
mehr Arbeit hat und er tritt damit von seiner Betriebskonzession
zurück (1775). Nach fünf weiteren Jahren lud die Berliner Manufaktur
zehn Fabrikanten ein, die mindestens 19 Webmeister übernehmen mußten.
die Fabrikanten entschieden sich nur einen Teil jeder zu übernehmen
und die Weber auszulosen. Aber die Weber mußten ihr Material selbst
abzuholen und die fertige Ware nach Berlin zubringen. Die Fabrikanten verzichteten
sogar auf die Einstellung von Spinner und Streicher. 39 Weber entschlossen
sich frei zu arbeiten.
In den folgenden Jahrzehnten gab es in Nowawes keinerlei
Besserung für die Weber, da die Löhne allmählich gesenkt
wurden, führte dies zu einer neuen Beschäftigungskriese
und wiederum baten die Weber erneut um Hilfe, da sich
weitere Spinner und Streicher entschlossen aus Mangel an Arbeit und Nahrung
in andere Orte zu ziehen. Im Jahr 1786 arbeiteten die Weber für 15
Fabrikanten und es waren 100 Webstühle in Betrieb, aber es war immer
noch nicht genug Arbeit für die Menschen. Außerdem war es langwierig
die Ballen Kattun von Berlin zuholen und die fertige Ware nach Berlin zubringen.
Dabei ging viel Zeit verloren, wo die Arbeiter kein Lohn für bekamen.
Sie benötigten dafür zwei Arbeitstage. Es galten die Jahre 1785,
1818, 1827 als Elendszeiten mit 350 arbeitslosen Weberfamilien, aber der
Zusammenbruch der Webindustrie waren die Jahre 1847 und 1848, in diesen
Jahren waren 400 Weberfamilien ohne Arbeit. Am 2. November 1810 schien
es so, als würde sich die Lage ändern. Es wurde die Gewerbefreiheit
in Preußen eingeführt. Aber es schien nur so, die Lage wurde
nur noch schlimmer. Das Elend war nur noch großer. Es schien
so als müsse man die Kolonie aufgeben. Die Weber waren nun von mehreren
Unternehmen abhängig und sie wurden noch schlechter bezahlt. Die Weber
stellten Forderung an die Regierung, sie solle geregelte Preise für
den Ankauf von Kattun und Verkauf der Ware festlegen, die Regierung
ging aber nicht auf die Forderung ein. Außerdem waren die Weber nach
dem Wegfall der Schutzzölle nicht in der Lage die Kattunweberei auf
andere Textilproduktionen umzustellen. Die Behörden ließen den
Webern keine besondere Fürsorge zuteilkommen, im Gegenteil die Behörden
hatten die Ansicht die Weber müssen ihrem Gewerbe selbst helfen. Im
Jahr 1837 war in einem Regierungsbericht geschrieben worden, das fast alle
Familien in Nowawes arbeitslos. Die Einrichtung einer Armeekasse zur Verteilung
von Almosen war die einzige Bemühung zur Besserung der Not der Weber
in Nowawes und sie fügten noch dazu, wenn die Weber nicht als Kattunweber
ihr Auskommen finden, sollten sie sich andere Arbeit suchen. Die Behörden
wollten mit der Armeekasse nicht alle arbeitslosen Weber unterstützen,
sondern nur den Obdachlosen ein bißchen Geld geben.
Außerdem sollten mit dem Geld noch Schulanstalten
finanziert werden. Aus diesem Grunde Wurde im Jahr 1837 ein
Privat- Unterstützungs- Verein gegründet. Er stand unter der
Protektion der Prinzessin von Preußen, welche später die Königin
Elisabeth von Preußen wurde. Man wollte sich mit diesem Verein um
die Ausbildung und die Überführung der Weber in die Landwirtschaft
kümmern. Außerdem sollte die Jugend der Weberfamilien in anderen
Berufen ausgebildet werden. Dies wurde aber nie von dem Verein erreicht.
Unter der Entwicklung eines neuen ökonomischen Prinzip
von August Wichgraf erhielt das Nowaweser Handwerk einen Auftrieb.
Denn er war der Meinung ,das nicht die Almosen die Weber vor dem Hungertod
retten würden, sondern nur die Neustrukturierung des Weberhandwerkes
würde die Weber aus ihrer Notlage befreien. Er untersuchte vor allem
die veralteten Arbeitsmittel der Weber und forderte besonders die Umbildung
der gewerblichen Verhältnisse. Wichgraf orientierte sich an industriellen
Gesichtspunkten, aber wollte aber auf keinen Fall die Hausweberei
verbieten, wie es andere forderten, sondern den Webereibetrieb von den
Zwangs- und Abhängigkeits-verhältnissen in die Selbstständigkeit
und Beständigkeit der Arbeit die Weber zu lenken. In seinen Untersuchungen
wies er nach, daß die Arbeitsmittel der Weber völlig veraltet
waren und befürwortete die Neuanschaffung neuer Webstühle und
der besten Werkzeuge, welche von den Webern gegen Anzahlung oder Leihgebühr
zur Verfügung gestellt werden sollten. Damit sollte die Wettbewerbsfähigkeit
und die Qualitätsverbesserung der Webware gewährleistet werden
sollte. Auf die Empfehlung von Wichgraf wurden auf Staatskosten Webstühle
angefertigt und den Webern ein zinsloses Darlehen in Höhe von 500
Talern gewährt . Die neuen Webstühle und Gerätschaften gingen
nach der Abzahlung in den Besitz der Weber über. Zwischen 1852 und
1862 führte Wichgraf weitere Verbesserungen für den Webereibetrieb
ein, welche einen Aufschwung in der Webtätigkeit in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts hervor riefen. Zu diesen Maßnahmen zählte,
die Einrichtung einer Musterweberei auf Kosten der Regierung im Jahr 1855.
Dort wurden den Webern neue Arbeitstechniken und technische Neuerungen
gezeigt. Diese
Musterwerkstatt wurde nach einem Vorbild, einer in Flandern
üblichen Werkstatt gebaut. Durch die Mechanisierung der Werkstätten
wurden Handlangertätigkeiten entbehrlich (Schußmädchen),
aber auch für die nun Arbeitslosen versuchte Wichgraf neue Arbeitsplätze
zu finden. Er verhandelte mit dem großen Unternehmen Liebermann &
Söhne, die nach einen zweiten Standort für eine Nähseidefabrik
suchten, über die Errichtung des Werkes in Nowawes und dies gelang
ihm auch. Bei der Eröffnung der Fabrik sind bereist 25 Nowaweser Mädchen
eingestellt worden(1852). Dies war nicht nur für Wichgraf ein großer
Erfolg, sondern auch das Unternehmen Liebermann & Söhne machten
Gewinn. Das Geschäft lief so gut, daß das Unternehmen im Jahr
1861 eine Dampfmaschine auf stellte und damit wurden auch mehr Arbeitsplätze
geschaffen. In diesem Jahr nahmen 80 Nowawser Mädchen ihre Arbeit
auf.
Wichgraf hatte seine Reformen nur auf den Hauswebereibetrieb
zugeschnitten und daraus entwickelte sich ein Aufschwung für Nowawes
und seine Bewohner. Die Weber hatten genug Aufträge und die Lebensbedingungen
sowie die Qualität der Stoffe war sehr gut. Man zählte 1884 schon
800 organisierte Meister und 700 Gesellen, viele davon waren selbstständig.
Die Konzeption von General Retzow wurde in hundert Jahren grundlegend geändert,
sonst wäre die Kolonie schon längst untergegangen. Der Lehrer
Gerson schrieb in der Festtagsrede zum hundertjährigen Bestehens der
Nowaweser Weberinnung :„Es ist wohl keine Übertreibung , wenn man
behauptet, daß die Weberei in Nowawes sich jetzt auf einer Stufe
der Vollkommenheit befindet, die in ihrer Art zu wünschen übrig
läßt."
Aber die Hausweberei hatte zum Beginn des 19. Jahrhunderts
keine Zukunft mehr. Denn die Berliner Textilunternehmen, welche Nowawes
zur Blüte gebracht hatten, hatten einen stetigen Rückgang , da
sie von der Industrialisierung verdrängt wurden. Nowawes hatte eine
wirtschaftliche Unsicherheit in ihrer Entwicklung, trotz des Aufschwung
nach Wichgraf ‘s Reformen. Dies war nun das endgültige Ende der Weberkolonie
Nowawes. Nach dem Höchststand der Produktivität um 1885, wo in
Nowawes 1600 Webstühle arbeiteten, sank die Anzahl der Webstühle
in Nowawes. Um 1925 waren noch 50 arbeitende Webstühle zu finden.
Übersicht über Anzahl der Hauswebstühle
in Nowawes
Jahr Anzahl
1759 1785 1797 1847/48 1861 1885 1925 103 169 350 100 1000 1600 50
Bibliographie [zurück]
Jung, Katrin Carmen. Zur Geschichte der böhmischen
Weber- und Spinnerkolonie in Potsdam- Babelsberg. Berlin: Hande u. Spener,
1997.
Mittenzweig, Ingrid. Herzfeld, Erika. Brandenburg- Preußen
1648- 1789 : Das Zeitalter des Absolutismus in Text und Bild. Berlin: Verlag
der Nation, 1987, 1. Auflage.
Heller, Gisela. Potsdamer Geschichten. Berlin: Verlag
der Nation, 1986, 2. Auflage.
Vogler, Günther. Zur Geschichte der Weber und Spinner
von Nowawes 1751 - 1785. Potsdam: 1965.
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