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Russen in Potsdam
III. Die russische Kolonie Alexandrowka
entsteht
- Nikolskoje - Vorläufer der Alexandrowka
- Lenne’ - der Meister der Landschaftsgestaltung
greift ein
- Die 14 russischen Blockhäuser
des Hauptmanns Snethlage
IV. Das Leben in Alexandrowka
- Letzten Arbeiten vor dem Einzug der
Kolonisten
- Das süße Kolonistenleben
- Die Alexandrowka und die hölzernen
Urkunden der Generation
V. Die Potsdamer russischen Orthodoxen
- Mit 55 Riesengrenadieren fing es an
VI. Wie die Alexander-Newski-Kirche entsteht
- Baupläne vom Zarenhof aus Sankt
Petersburg - Schinkel griff korrigierend ein
- Die Grundsteinlegung
- Die Einweihung der Alexandrowka-Newski-Kirche
VII. Die Alexander-Newski-Kirche - Ein
klassizistisches Denkmal
- Die Architektur
- Das Interieur
- Der Friedhof der Alexander - Newski
- Kirche
VIII. Ausflug in die russische orthodoxe
Liturgie
IX. Das Haus des Kirchenvorstehers
- Snethlages 14. Holzhaus
X. Die Betreuung der russisch-orthodoxen
Gemeinde
XI. Bilddokumente
XII. Übersicht zur Fachliteratur
I. Alexandrowka (ein
russisches Dorf in Deutschland) [zurück]
Abseits des „Pflichtprogramms“ von Millionen Touristen,
die alljährlich das friderizianische Potsdam mit seinen
weltweit berühmten Schlössern und Parks besuchen , liegt
die Russische Kolonie Alexandrowka.
Die bis in unsere Tage in gutem baulichen Zustand erhaltene
Alexandrowka mit ihrem seit über 160 Jahren pulsierenden geistigen
Zentrum, der russisch - orthodoxen Alexander - Newski - Gedächtniskirche,
zeigt noch heute das romantisch anmutende Flair eines russischen
Militärdorfes des 18. Jahrhunderts. Tausend ähnlicher Dörfer
überzogen einst , im Vorzeitalter der modernen Kasernenbauten,
das zarische Russland und seine zahlreichen Kolonien
.
Die Idee, besondere Militärsiedlungen anzulegen,
erfüllte damals einen Doppelsinn .
Einmal sollte eine größere Anzahl gemeiner
Soldaten auf relativ engem Raum zusammengehalten und damit im Bedarfsfall
schnell verfügbar werden . Zum anderen löste der Zarenstaat
die aufgrund noch mangelhafter Logistik schwierige Aufgabe
, seine Soldaten zweckmäßig und preiswert zu ernähren.
Doch in den Weiten Russlands blieb kein einziges der
charakteristischen Militärsdörfer erhalten. Die hölzernen
Geschichtszeugen fielen in rascher Folge den widersinnigen Kriegen ,
in denen die Völker Europas aufeinander gehetzt wurden, und später
engstirnigen Fortschrittlern zum Opfer .
So mutet es uns Heutigen wie eine ironische Meistertat
der unberechenbaren Geschichte an, dass Alexandrowka ihre Entstehung
ausgerechnet einem der grausamsten europäischen Kriege verdankt
und heute als einziges in seiner maßvollen Ursprünglichkeit
erhaltenes russisches Militärdorf im Nordosten der brandenburgischen
Landeshauptstadt zu einem aufschlussreichen Bummel ins vorige Jahrhundert
einlädt.
Wenn die Russische Kolonie Alexandrowka mit ihrer auf
dem nahen Kapellenberg gelegenen
Alexander - Newski - Gedächtniskirche auch keinen
Vergleich mit den weltberühmten Parks und Schlössern von Sanssouci
wagen möchte, zeigt sie sich doch als unverzichtbare integrale Facette
der Potsdamer Kulturlandschaft . Ein Fingerzeig , das historische Ensemble
bei einer Potsdam - Visite zu besuchen .
II. Die kuriose Vorgeschichte
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Wer fragt sich nicht bei seiner ersten Begegnung mit Alexandrowka
:
Wie kam dieses russische Dörfchen mit der
so exotisch anmutenden Alexander - Newski - Gedächtniskirche nach
Preußen ?
Und wenn dann Napoleon Bonaparte als primärer
Verursacher des geschichtlichen Possenspiels ins Gerede kommt, hat
die Lösung der Rätselei ihren bombastischen und wohl deshalb
unglaublichen Anfangspunkt gefunden. Denn in der Tat steht der legendäre
Korse, vielmehr sein unabhängiger Drang, sich ganz Europa untertan
zu machen, am Ursprung unserer Geschichte.
General York nimmt 500 Russen gefangen
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Napoleon Bonaparte überzog Anfang des 19. Jahrhunderts
Europa mit Krieg. Der französische Kaiser eilte von Sieg zu Sieg
und schließlich schlug seine Grand Armee am 14. Oktober 1806 in
der geschichtsträchtigen Doppelschlacht von Jena und Auerstedt die
preußischen Truppen.
Preußens König Friedrich Wilhelm III.
( 1770 - 1840 ), seit 1797 auf dem Thron, floh an den Petersburger
Hof des russischen Zaren Alexander I. ( 1777 - 1825 ).
Hier schworen sich Friedrich Wilhelm und Alexander
gegen den französischen Eindringling und Unruhestifter: „ Wir werden
nicht allein fallen - entweder stürzen wir gemeinsam oder überhaupt
nicht!“
Doch die Kriegsgeschicke verliefen vorerst gegen
den pathetischen Schwur von König und Zar. Napoleons Heere
schienen dank modernerer Waffen und ihrer gewagten Taktik nicht aufzuhalten
zu sein. Im Frieden von Tilsit ( 9.Juli 1807 ) beugte sich
Russland vor dem noch starken und unbesiegbar scheinenden Bonaparte.
Preußen traf es noch härter. Es verlor die Hälfte seines
Landes und seiner Landeskinder.
Ja, es kam noch schlimmer. Friedrich Wilhelm wurde
genötigt, seinem ärgsten Widersacher Napoleon ein 22 000 Mann
starkes Hilfekorps zu unterstellen und diesen gegen den zarischen Freund
einzusetzen. Mit Generalleutnant York kämpfte es am äußersten
linken Flügel der napoleonischen Grande Armee gegen das zarische Heer.
Und York machte seine Sache, wenn auch nur widerwillig,
trotzdem gut. Immerhin brachte er von seinen Feldzügen in Kurland
500 Russen als Gefangene heim.
Friedrich Wilhelms russischer Soldatenchor
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Als der Preußenkönig von der Beute erfährt,
macht er in bewährter Manier das Beste aus der peinlichen Situation.
Er gibt Order, aus der Gefangenschar zu seiner persönlichen Erlaubung
und zur Unterhaltung der kriegsmüden Truppe einen Soldatenchor auszuwählen.
Friedrich Wilhelm hatte bereits bei seinem Zwangsaufenthalt
in Sank Petersburg die getragenen russischen Volkslieder geholfen, die
erlittene Schmach zu vergessen. Nun erhofft er sich vom melancholischen
Gesang der zugewonnenen russischen Sänger Linderung seiner Schwermut,
die ihn immer öfter quält. Das Probesingen verläuft nach
Regeln preußischer Akkuratess 62 russische Soldaten und
Unteroffiziere bestehen den Test und werden sogleich in die Potsdamer
Residenz überführt und hier am 14. Oktober 1812 dem traditionellen
Ersten Garderegiment zu Fuß zugeteilt.
So müssen die russischen Soldaten - Sänger,
wenn auch unbewaffnet, gegen ihre heimatliche Armee zu Felde ziehen. Doch
sollte, wie wir aus der Geschichte wissen, Napoleons Glückssträhne
nicht ewig dauern. Bereits nach der Niederlage bei Borodino (28.Juni 1812)
bekommt die französische Armee das große Laufen. Preußenkönig
und Russenzar erinnern sich wieder ihres Schwures und verbünden sich
endgültig gegen den unverschämten Franzosen.
Plötzlich waren russische Sänger keine Gefangenen
mehr. Ihre Lage blieb jedoch unverändert. Auch jetzt durften sie ihr
Heimweh nicht befriedigen. Zweimal marschierten sie in den Uniformen der
Leibkompanie des Potsdamer Garderegiments als Truppenunterhalter
bis Paris. Für ihre Heldentaten in den Feldzügen zwischen 1813
und 1815 ehrte Friedrich Wilhelm seine russischen Sänger mit zahlreichen
preußischen Kriegsgedenkmünzen und Medaillen, die noch heute
in der Alexander - Newski - Gedächtniskirche aufbewahrt werden.
Der Geschützdonner der Befreiungskriege war längst
verhalt, da erwarteten die russischen Sänger in Preußens Dienst
sehnsüchtig ein Zeichen, endlich freigelassen zu werden und ihr geliebtes
Mütterchen Russland wieder sehen zu dürfen. Doch sie sollten
die Rechnung ohne ihre Kriegsherren gemacht haben. Bereits unmittelbar
nach dem Bündnis hatte Friedrich Wilhelm den russischen Zaren gebeten,
den Soldatenchor für alle Zeiten behalten zu dürfen .Großzügig
stimmt Alexander I. dem Wunsch des preußischen Königs zu, denn
beide Monarchen sind nicht nur im Krieg gegen Napoleon miteinander verbunden.
Schon längst haben Friedrich Wilhelm und Alexander enge Freundschaft
geknüpft. So konvertierten die Gefangenen zum königlichen Geschenk.
Schließlich waren die fröhlichen Sänger „nur“ Leibeigene. Was
durfte sie da interessieren, ob sie zum Besitz des russischen oder des
preußischen Monarchen gehörten. Ihr Träume von einer Rückkehr
in die russische Heimat mussten sie allerdings für alle Zeiten
begraben. „So starben viele von ihnen wie die Fliegen“, weiß deshalb
die Chronik zu berichten.
Obwohl der russische Zar das singende Geschenk im Jahr
1815 mit weiteren sieben seiner leibeigenen Soldaten aus dem Bauernstande
aufwertete, schmolz der Chor auch in der Folgezeit rasch zusammen.
Alexandrowkas Geburtsstunde [zurück]
Als Alexander I. 1825 infolge eines Attentates stirbt, zählt
die exotische Sängerschar noch 19 Mitglieder. Mit dem Tod des Zaren
sollte sich auch ihr Leben bald grundlegend verändern. In Russland besteigt
Nikolaus I., der Bruder Alexanders und Schwiegersohn des preußischen
Königs, den Zarenthron. Nikolaus I., nun Herrscher
aller Preußen, ist seit geraumer Zeit mit der ältesten Tochter Friedrich
Wilhelm III., Prinzessin Charlotte von Preußen,verheiratet, die bald
als Zarin Alexandra das dynastische Band zwischen den Romanows und
den Hohenzollern zu festigen beginnt. So lässt die Idee Friedrich
W. nicht lange auf sich warten, zum Andenken an den jüngst verstorbenen
Alexander die Russische Kolonie Alexandrowka errichten zu lassen.
In seiner Allerhöchstens Cabinets - Ordre vom 10.
April 1826 heißt es: "Es ist Meine Absicht, als ein bleibendes Denkmal
der Erinnerung an die Bande der Freundschaft zwischen Mir und Des
Hochseeligen Kaisers Alexander von Russland Majestät, bei Potsdam
eine Kolonie zu gründen, welche Ich mit den von Seiner Majestät
Mir überlassen russischen Sängern als Kolonisten besetzen und
Alexandrowka benennen will."
Diese Geburtskunde Alexandrowkas wird rasch umweit des
Nauner Tores in dir Tat umgesetzt.
III. Die russische
Kolonie Alexandrowka entsteht [zurück]
Friedrich Wilhelm III. war kein Neuling im Umgang mit russischer
Volksarchitektur. Die aus der russisch - preußischen Waffenbrüderschaft
während der Befreiungskriege gegen den französischen Usurpator
sowie die infolge der Heirat von Prinzessin Charlotte mit dem späteren
Zaren Nikolaus I. gewachsene Freundschaft zu Russland ging nicht spurlos
an den Plänen des Königs zur Umgestaltung der Potsdamer Kulturlandschaft
vorbei.
Bei seinen Aufenthalten in Sankt Petersburg hatte Friedrich
Wilhelm Gefallen an den bunten Holzhäusern der Bauern gefunden. Nun
versuchte er die russische Dorfarchitektur mit dem Konzept des Berliner
romantischen Klassizismus verbinden zu lassen.
Nikolskoje - Vorläufer der Alexandrowka
[zurück]
Bereits im Jahre 1819 hatte Friedrich Wilhelm III. auf
einer Anhöhe der östlichen Havelseite gegenüber der Pfaueninsel
das Blockhaus Nikolskoje (dem Nikolskoje zu eigen ) errichten lassen. Nikolskoje
gilt deshalb als unmittelbarer Vorläufer der Häuser der später
erbauten Alexandrowka. Beim Bau des in echter Blockhausmanier errichteten
Gebäudes, das bereits nach 6 Wochen Bauzeit seiner Bestimmung übergeben
werden konnte, sammelte der Offizier der Potsdamer Gardepioniere, Hauptmann
Snethlage, wichtige Erfahrungen in der Gestaltung von Holzhäusern
in russischer Bauweise.
Im Nikolskoje verbrachte Friedrich Wilhelm III. häufig
erholsame Stunden abseits des belastenden Lebens an den Höfen der
Residenzen in Berlin und Potsdam. Hierher führte er aber auch seine
Tochter Prinzessin Charlotte, wenn sie die beschwerliche Reise von Petersburg
an die Havel gewagt hatte. Besonders vom oberen Balkon, aber auch
von der Terrasse vor dem Blockhaus bietet sich ein interessanter Weitblick
auf die Havellandschaft mit der romantischen Pfaueninsel und der Heilandskirche
am Port von Sacrow.
Um das russische Flair von Nikolskoje abzurunden, diente
hier lange Zeit der aus Russland stammende Leibkutscher des Königs
als lebende Staffage. Jewlampi Filipowitsch Barchatow hatte ein ähnliches
Schicksal ereilt wie unsere russischen Soldatensänger. Ihn hatte Zar
Alexander, gewissermaßen als Beigabe zu einer stattlichen
Troika, dem Preußen - Herrscher zum Geschenk gemacht. Barchatow,
den seine preußische Herren und Mitlakaien Iwan Bokoft riefen, musste
sich in Nikolskoje und später in Alexandrowka vor dem König und
dessen hochwohlgeborenen Gästen in seiner traditionellen russischen
Kleidung zeigen und so die romantische Stimmung sichern helfen. Doch kehren
wir von Nikolskoje nach Potsdam zurück, wo der Hof nur mit einem Thema
befasst ist: schnellstens die neueste Order des Königs mit Leben
zu erfüllen.
Lenne’ - der Meister der Landschaftsgestaltung
greift ein [zurück]
Mit der landschaftlich - architektonischen Gestaltung
der Memorialstiftung betraute Friedrich Wilhelm III. seinen Gartenbaudirektor
Peter Joseph Lenne’ (1789 - 1866 ). Für den ehrgeizigen, ideenreichsten
Gartenschöpfer des 19. Jahrhunderts, dessen Kreativität schon
der Pfaueninsel, dem Neuen Garten und dem Park von Sanssouci ein unverwechselbares
Gesicht verliehen hatte, eröffnete sich erneut eine interessante Aufgabe.
Bereits wenige Tage nach der königlichen Order legte der Gartenbaudirektor
zwei Ideenskizzen vor, die er dem landschaftlichen Panorama der Nauener
Vorstadt vortrefflich angepasst hatte. Diese Entwürfe wiesen
Lenne’ erneut als Meister der Vorstadtplanung aus. Beispielgebend verband
der Gartenkünstler die gestellte soziale Aufgabe mit der erwarteten
ästhetischen Wirkung.
Einer der Entwürfe sah eine rechteckige Grundfläche
der Anlage vor. Der andere stützte sich auf eine Dreiecksform mit
abgerundeter Basis. Die Gehöfte sollen beiderseits der Mittelachse
angeordnet sein, an deren nördlichen Ausgang eine Kirche vorgesehen
war. Beide Vorschläge missachtete Friedrich Wilhelm III.. Der
König beabsichtigte, seiner Russischen Kolonie die Form eines Andreaskreuzes
zu geben.
Peter Joseph Lenne’ machte sich schließlich den
königlichen Wunsch zu eigen und veränderte seine Gestaltungspläne.
So stimmte Friedrich Wilhelm III. dem Lenne’ - Entwurf zu. Jetzt bildete ein
Alleesystem das landschaftliche „Gerüst“ der anzulegenden Alexandrowka.
Leider sind die unter Lenne’ s Stabsführung gesetzten Alleebäume
nicht mehr in ihrer gesamten Pracht zu bewundern. Eine größere
Anzahl der ihrer über 160 Jahre währenden Lebenszeit zu wahren
Naturdenkmalen herangewachsenen Bäume war bereits so morsch geworden,
dass sie gefällt und vor wenigen Jahren durch jüngere ersetzt
werden mussten.
An den Kreuzarmen platzierte Lenne’ acht paarweise angeordnete
Gehöfte, während in den Bögen vier weitere vorgesehen wurden.
Den Standort für das dreizehnte Haus wählte
der König selbst aus.
In dieses besondere Haus sollte ja auch keiner der Soldaten
- Sänger einziehen. Es war vielmehr für den zum Vorsteher der
Kolonisten befohlene Feldwebel des Ersten Garderegiments zu Fuß vorgesehen.
Schließlich lebten die russischen Sänger in Preußen und
dienten auch weiterhin in der Leibkompanie der Potsdamer Garderegiments,
wo selbstredend militärische Zucht und Ordnung herrschten.
So wurde das Aufseherhaus genau im Kreuzmittelpunkt der
Alexandrowka erbaut. Von hier aus nämlich konnte der Feldwebel der
Garde seine ihm anvertrauten Untertanen am besten überwachen.
Während die Siedlung der Kolonisten gewissermaßen
„ zu ebener Erde “ unweit des Nauener Tores errichtet wurde, wählte
Friedrich Wilhelm III. den Platz für die russische Kapelle in exponierter
Lage auf dem nahe der Kolonie gelegenen "Minenberg".
Lenne’ bezog deshalb den Minenberg in seine landschaftlichen
Gestaltungspläne ein, so dass Alexandrowka und der heutige Kapellenberg
mit der Alexander - Newski - Kirche eine künstlerische Einheit bilden.
Doch der Bau der russischen Kolonie wurde erst einmal
ausgesetzt, weil die in Sankt Petersburg bestellten original russischen
Risse auf sich warten ließen. Am Fuße des Minenberges aber
konnten die Planierungs - und Bauarbeiten für die Russische Kolonie
beginnen.
Die 14 russischen Blockhäuser
des Hauptmanns Snethlage [zurück]
Die Gesamtleitung der Anlage übertrug der König,
Oberst Röder. In der königlichen Kabinettsorder vom
10.April 1826 heißt es :
„Im Vertrauen auf Ihre Umsicht und Tätigkeit, übertrage
Ich Ihnen hiermit die Leitung der ganzen Ausführung des Planes nach
den hier erteilten Bestimmungen unter Zuziehung des Hauptmanns
Snethlage und Gasten - Directors Lenne´, welche beide durch ihre vorgesetzte
Behörde mit Anweisung versehen sind, indem ich wünsche, dass
sie auf die Beschleunigung der Arbeiten, so weit sie mit der zweckmäßigen
Ausführung vereinbar ist, möglichst Bedacht nehmen ."
Friedrich Wilhelm
Der König hatte Hauptmann Snethlage nicht ohne Grund
für die Baudurchführung gewählt. Der ehemalige Bergbaubeamte
hatte 1813 bei den Lützower Jägern gekämpft und war in napoleonische
Gefangenschaft geraten. Nach abenteuerlicher Flucht avancierte er
zum Kommandeur der Potsdamer Garde - Pionierabteilung.
Snethlage hatte sich außerdem bereits beim Bau
des Blockhauses Nikolskoje bewährt und erste Erfahrungen im Gestalten
russischer Blockhäuser sammeln können. Trotzdem musste der
Militäringenieur die wesentlich umfangreichere Aufgabe nicht mit dem
bescheidenen Umfang von Nikolskoje meistern. Vielmehr bildeten russische
Originalbausteine, die Oberst Röder beschafft hatte, die Grundlage
für Snethlages „Blockhaus“- Entwürfe.
Dabei muss der Terminus „Blockhaus“ nicht ohne Grund
in Anführungsstriche gesetzt werden. Friedrich Wilhelm III. hatte
preußische Sparsamkeit gefordert, schließlich bezahlte er
das gesamte Vorhaben aus seiner „Königlichen Chatoulle“ .
Im Gegensatz zu Nikolskoje, das durchweg als
echtes russisches Blockhaus konstruiert worden war, sahen Snethlages Baupläne
für die Kolonistenhäuser von Alexandrowka vor, die Blockhaus
- Bauweise nur zu imitieren.
Den Baukern bilden deshalb auf halben Stein gesetzte
undeutsche Fachwerke. Erst die akkurat ausgeführte Bohlenverkleidung
mittels gewölbter Dielenbretter und verschränkter
Balkenköpfe an den Hausecken verwandelte die Gebäude in „Blockhäuser“,
die noch heute jeden Liebhaber russischer Architektur ob ihrer vermeintlichen
Originalität staunen lassen .
Die Fassaden zeigen besonders zur Straßenseite
hin die beabsichtigte russische Volksarchitektur. Vorspringende Holzsäulen
tragen reich verzierte Balkone und hölzerne Galerien .
Ornamental ausgesägte Giebelbretter und Fensterrahmen
vervollständigen die russische Blockhausidylle . Die Dächer
sind doppelt mit Brettern belegt und waren ursprünglich mit Schilf
gedeckt. Jetzt sind die Reet - durch Schieferdächer ersetzt.
Am 22. April 1826 verfügte Oberst Röder gegenüber
Hauptmann Snethlage, welche der Kolonistenhäuser ein - und welche
zweistöckig zu erbauen seien . Dabei wahrte Röder die mit
dem andreaskreuzförmigen Grundriss vorgezeichnete Symmetrie,
indem er an den Alleen jeweils gleichartige Häuser gegenüber
stellen ließ. Jedes Stockwerk nimmt neben einer größeren
Stube drei Kammern und hinter dem Flur eine Küche auf. Von einer
Treppe kann der kleine Keller erreicht werden.
Da sich die Kolonisten weitgehend selbst versorgen mussten,
wurde für jede Siedlerstelle in Flucht zum straßenseitigen
Hausgiebel ein genormtes Wirtschaftsgebäude mit Kuhstall und Futterraum
errichtet .
Diese niedrigen Holzschuppen wurden ebenfalls im Stil
der russischen Blockhausarchitektur gebaut und durch einen überdachten
und verzierten Torweg mit den Wohnhäusern verbunden. Vom Hof
führt eine Freitreppe ins Obergeschoss.
Nachdem Hauptmann Snethlage die Baupläne für
alle Häuser erarbeitet und weisungsgemäß vorgesehen hatte,
sie „sämtlich von Holz, nach der Art der russischen Bauernhäuser
ein - oder zweistöckig auszuführen, befehligte er 100
Militärhandwerker und einen Feldwebel beim Bau der Alexandrowka. Die
Chronik berichtet, dass jeder der Bauleute einen leinenen Kittel
und täglich zehn Silbergroschen zusätzlich zum üblichen
Sold ausgezahlt bekam.
Der Pionier - Hauptmann trieb die Bauarbeiten mit der
nötigen Strenge voran. Dabei muss dem Offizier bestätigt werden,
mit viel Fingerspitzengefühl und Kunstsinn bei aller gebotenen
Sparsamkeit ein historisches Architekturensemble geschaffen zu haben,
das dem Rustikalbaustil russischer Blockhäuser sehr nahe kam .
IV. Das Leben in
Alexandrowka
[zurück]
Bereits Ende 1826 hatte Snethlage den baulichen Abschluss
der 13 Blockhäuser von Alexandrowka melden können. Nur
oben auf dem „ Alexanderberg “ wurde noch an dem Haus des Kirchenvorstehers
gearbeitet. Der Baubeginn der Kirche war noch immer wegen den fehlenden
Bauplänen für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen.
Letzten Arbeiten vor dem Einzug der
Kolonisten [zurück]
Während fleißig an der Kolonistengehöften
gebaut wurde, war auch der königliche Gartendirektor nicht untätig
geblieben. Unter Lenne´s Leitung war unterdessen das Gartenland gedüngt,
bearbeitet und mit Obstbäumen bepflanzt worden. Die Grundstücke
der künftigen Kolonisten und des Kolonievorstehers waren mit Staketen
und Hecken eingefriedet worden.
Die meiste Arbeit aber hatte die Chaussierung der Alleen
entlang der Jägerallee (heute „Am Schragen“) und der Nauener Allee
(heute „ Friedrich-Ebert-Straße“) gemacht, die ebenfalls im Herbst
1826 abgeschlossen werden konnten. Auch den „Alexanderberg“ hatte
Lenne´ in die umfangreiche Landschaftsgestaltung einbezogen und an dessen
Hängen Wege anlegen und Bäume pflanzen lassen. Obwohl die Neugier
zu dieser Zeit schon manchen Potsdamer zu den märchenhaften Holzhäusern
jenseits des Nauener Tores zog und das ganze Areal bereits einen ansprechenden
exotischen Anblick bot, gab es für Oberst Röder bis zum Einzug
der Kolonisten noch vieles zu tun.
So mussten die Häuser eingerichtet werden,
das heißt mit dem zum Leben notwendigen Inventar und allerlei Utensilien
versehen werden. Dabei hatte der Oberst streng über die Ausgaben zu
wachen, die in keinem Fall 250 Taler pro Kolonistenstelle überschreiten
durfte. Außerdem waren die recht komplizierten Eigentumsverhältnisse
zu regeln und die letzten Junggesellen der Sängermannschaft
zu verheiraten.
Gerade die letzte Aufgabe muss dem Organisator des
künftigen Kolonielebens besonderes Kopfzerbrechen bereitet haben,
hatte er doch selbst festgelegt, dass nur verehelichte Sänger
in den Genuss einer „Villa“ im grünen Alexandrowka gelangen konnten.
Zur Zeit, da der preußische König seinen Friedrich
Wilhelm unter die historische Kabinettsorden setzte, bestand sein Soldatenchor
noch aus 19 russischen Sängern, von denen jedoch nur 9 verheiratet
waren.
Doch R&öuml;der muss noch 3 der Russen überzeugt
haben, in den heiligen Bund der Ehe zu treten, denn schließlich konnten
alle 12 Kolonistenhäuser befehlsgemäß bezogen werden. Die
Chronik meint dazu, dass 2 der „Havelrussen“ mit Französinnen,
die sie während ihrer Praxis-Visite mit ihren Liedern überzeugt
hatten und 10 mit Potsdamer Frauen verheiratet waren.
Das süße Kolonistenleben
[zurück]
Am 2. April 1827 war es endlich soweit :
Die auserwählten 12 Kolonisten des russischen Soldatenchores
Seiner Majestät konnten mit ihren Familien in Alexandrowka Einzug
feiern. Und gefeiert wurde zünftig.
Augenzeugen berichteten, das halbe Garderegiment sei noch
drei Tage später gefechtsunfähig gewesen.
Dann aber zog der Alltag in Alexandrowka ein, verlief
das Leben vor dem Nauener Tor wieder nach den strengen Gesetzen des preußischen
Reglements. Vom Chortraining bis zum täglichen Exerzieren
der Vorsteher der Kolonie, Feldwebel Riege von der Leibkompanie des Potsdamer
Garderegiments, bestimmte fortan den Lebensrhythmus in Alexandrowka.
Denn der König meinte, nur durch direkte Unterstellung der Russischen
Kolonie unter die Hoheit des Garderegiments seine Absichten verwirklichen
zu können.
In einem Kabinettsorder heißt es deshalb :
„Die Kolonie bleibt unter dem unmittelbaren Befehl,
der Aufsicht und Direction des
Ersten Garde - Regimentes zu Fuß.
Ein Feldwebel desselben führt die allgemeine Aufsicht. Seine Instruktion
empfängt er vom Commandeur des Regiments .“
Doch für die Erstbewohner der Russischen Kolonie
erschöpfte sich der Alltag nicht allein in dienstlichen Pflichten.
Schließlich hatte ihr König bei der Einrichtung der Kolonistenstellen
nicht geknausert und sie mit allem zum Leben Notwendigen ausstatten lassen.
Laut überlieferter Inventarliste hatte Friedrich Wilhelm in
der Tats nicht vergessen. Von der bunten Kuh im Stall bis zum bepflanzten
ausgedehnten Garten, vom Spinnrad und Kinderbettchen bis zu Töpfen,
Schlüsseln und Besteck reichte die überlassene Ausstattung
der Gehöfte.
Selbst die tickende Stubenuhr fehlte nicht, schließlich
standen Pjoh Alexejeff, Pjoh Anisimoff, Fjodor Fokin und Fefim Gowrilenko,
Dmitri Sergejeff, Iwan Timofejeff und Pjoh Uschakoff, Iwan Wawiloff,
Stephan Wolgin und Iwan Jablokoff, Iwan Grigorieff und Wassili Schischkoff
auch weiterhin im preußischen Dienst, und ein Soldat Seiner Majestät
sollte schon allzeit wissen, was die Stunde geschlagen hatte .
Auch das Stück Acker hinterm Haus musste in
Ordnung gehalten werden. Denn Versäumnisse in Haus, Hof und Garten
wurden streng geahndet . Im schlimmsten Fall konnte allzu grobe Schlamperei
mit dem Verlust des Kolonistenstelle bestraft werden. Bei aller Großzügigkeit
seinen Sängern gegenüber, hatte sich der König die Häuser
und Grundstücke von Alexandrowka als Eigentum gesichert und den Kolonisten
lediglich das Nießrecht eingeräumt.
Doch noch einen Wermutstropfen mussten die Kolonistenfamilien
schlucken: die diskriminierende, aus der am 31 . März 1827 erlassenen
Königlichen Kabinettsorder über die Einsetzung der Kolonisten
und die Verteilung der Stellen .In der Order ist den Kolonisten der Nießbrauch
an den Stellen übertragen sowie gleichzeitig mit der Unterhaltspflicht
das Verbot von Veränderungen an den überlassenen Immobilien festgeschrieben
worden.
Das Erbrecht hatte der König ausschließlich
an die ehelichen männlichen Leibeserben nach der Erstgeburtsregel
gebunden.
Die Alexandrowka und die hölzernen
Urkunden der Generation [zurück]
Auch heute lebt man gerne in Alexanrowka. Bei einem Spaziergang
kann man sich davon überzeugen. Die heutigen Bewohner der einstigen
Kolonistenhäuser haben sich bereits daran gewöhnt, in einem der
Potsdamer Denkmäler zu wohnen. Die meisten von ihnen wenden nicht wenig
Zeit auf, die nun bereits in die Jahre gekommenen Blockhäuser mit
ihrem typisch russischen Zierrat zu erhalten.
Und wer sich die Häuser von Alexandrowka genauer
betrachtet, wird sogleich an ihre einstigen Bewohner, die russischen Sänger
Friedrich Wilhelm III., erinnert. Nach russischem Brauch hatten die dörflichen
Siedlungen keine Hausnummern. Ihre Häuser trugen kleine Schilder
mit dem Namen ihrer Bewohner unterhalb des Schnitzwerkes der hölzernen
Galerie. Erst als eine Kolonistengeneration herangewachsen war, die
bereits nicht mehr des Russischen mächtig war, nummerierte man die Häuser.
Das zentralgelegene Haus des Kolonievorstehens erhielt die Nummer
1 und ein zweisprachiges Schild mit der Aufschrift „Colonie Alexandrowka“.
Leider sind viele der ersten und teilweise die
Genealogie der Familie bis zu ihren Urvätern, den legendären Namenschilder
verlorengegangen. Doch kann man heute glücklicherweise noch einige
bis zu den Soldatensängern zurück verfolgen. Schwarz
Schilder tragen mit weißer Schrift die Namen der Verstorbenen.
Bereits die Namensschilder unter den Galerien und Balkonen,
auf denen in den Sommern rote Geranien blühen und im Herbst die wilden
Ranken des russischen Weins leuchten, lassen den aufmerksamen Beobachter
in die Geschichte eintauchen und ahnen, dass es mit den männlichen
Nachkommen der Sänger von Alexandrowka schlecht bestellt war. Wie die
Chronik besichtet, starben Timofejeft, Gawiloff, Uschakoff, Soorgejeff, Wawiloff
und Wolgin gar Kinderlos. Alexejeff und Fohin blieben ohne erbberechtigte
Söhne. Wer sich heute Zeit nimmt, durch die Kolonie zu bummeln,
und Glück hat, mit einem der Einwohner ein paar Worte zu wechseln
oder im Herbst ihre Gravensteiner zu probieren, wird schnell den
herzlich-schnoddrigen Berliner Dialekt der Alexandrowkaner bemerken. Da
machen die Grigorieffs und die Schinohkoffs keine Ausnahme. Kein russische
"Zungen - R" hat sich in ihrer Sprache erhalten, kein Akzent weist auf ihre
Urväter. Wenn da nicht unsere geschichtlichen Kenntnisse und die „verräterischen“
Namen wären, müßte man allesamt für Urpreußen
halten. In der Alexandrowka wohnen nur ganz normale Brandenburger, die keine
russische Sprache sprechen.
Eigentum? Klarheit werden wohl erst die nächsten
10 Jahre bringen. O lange hat es in Alexandrowka noch allemal gedauert,
wenn über Eigentum zu entscheiden war. Doch verlassen wir Alexandrowka.
Gleich hinter dem im Ostbogen gelegenen Gehöft führt uns ein romantischer
Sandweg hinauf zum Kapellenberg.
V. Die Potsdamer
Russisch-Orthodoxen [zurück]
Wer nicht die Alexander - Newski - Gedächtniskirche
besichtigt hat, der war angeblich in Alexandrowka. Oben auf dem Kapellenberg
rundet sich der Ausflug. Hier über den Dächern
derAleandrowka, erhält die visite jene geschichtliche Dimension, die
sie unvergesslich macht. Manches historische Zeugnis findet sich in dem
russisch-orthodoxen Kirchlein und dem beigeordneten Friedhof, das
den Besuch belohnt.
Neben der Alexander- Newski-Gedächniskirche entdecken
wir auch das 14. Holzhaus des Hauptmanns Snethlage. Es steht versteckt
zwischen malerischen Linden und Eichen, mit denen der königlicher Gartenbaudirektor
Peter Joseph Lenne´ den Berg vor mehr als 160 Jahren geschmückt
hatte.
Mit 55 Riesengrenadieren fing es an
[zurück]
Bevor wir uns der Alexander - Newski - Kirche zuwenden
wollen, sei ein Blick in die Geschichte der Potsdamer Russisch - Orthodoxen
erlaubt, schließlich gehören russisch - orthodoxe Kirchengemeinden
nicht unbedingt zum alltäglichen in deutschen Ländern.
Wir aber bummeln jedoch auf preußischer Erde! Und
da ist man vor Überraschungen nicht sicher. Toleranz zählt ja
von den Anfängen an zu den teuersten preußischen Tugenden ...
Die Geschichte der Potsdamer Russisch - Orthodoxen begann
schon lange Zeit vor der Gründung des russischen Soldatenchores und
der Kolonie Alexandrowka durch Friedrich Wilhelm III.. Die Chronik verrät,
dass unsere russischen Sänger nicht die ersten Orthodoxgläubigen
in Preußens zweiter Residenz waren.
Wie das Schicksal es will, begann die Geschichte mit
einem für heutigen Rechtsempfinden eigenartigen Geschenk. Im Jahre
1718 übereignete der russische Zar Peter I. (1672 - 1725 ) dem Preußenkönig
ein Friedrich Wilhelm I. (1688 - 1740) eine Gruppe mit 55 Riesengrenadieren.
Sie gehörten zu den Stammzellen der legendären Langen Kerls,
des Lieblingsspielzeugs des Soldatenkönigs. Diese russische Abteilung
der durch und durch internationalen Langen Kerls gründete, da sie
allesamt strenggläubige Bauernsöhne waren, die erste russisch
- orthodoxe Glaubensgemeinde Potsdams - sollte in Preußen doch jedermann
nach seiner Fasson selig werden.
Und der Soldatenkönig zeigte sich wie bei allen
wichtigen militärischen Entscheidungen trotz seiner sonst sprichwörtliches
Sparsamkeit nicht knauserig.
Friedrich Wilhelm ließ für seine russischen
Gardekerls am ehemaligen Kanal eine kleine Fachwerkkirche erbauen, schließlich
bedurften auch sie nach dem täglichen nervenraubenden Exerzierdienst
des geistlichen Beistands nach den Bräuchen ihrer Heimat.
Wahrscheinlich hatte der Bauherr nicht an eine stürmische
Verbreitung der russisch - orthodoxen Religion in seiner Potsdamer Residenz
geglaubt und deshalb das orthodoxe Gotteshaus in aller gebotenen Bescheidenheit
errichten lassen.
Die Weitsichtigkeit seines Plannes sollte sich in den
nächsten Jahrzehnten bestätigen. Rascher als vermutet, schmolz
die orthodoxe Gemeinde dahin.
So wurde dieses erste Potsdamer orthodoxe Kirchlein bereits
1755 zu einem Komödiensaal umgestaltet, der im Jahre 1777 schließlich
dem Neubau der Montierungskammer weichen musste.
Auch ohne Gotteshaus bestand die russische Gemeinde noch
bis zum Jahre 1805. Sie hielten ihre Gottesdienste im Haus des Kaufmanns
Lüttich in der Lindenstraße/Ecke Bäckerstraße ab.
Danach muss das orthodoxe Leben in Potsdam erloschen sein, wenn man
den städtischen Chronisten glauben darf, die sich forthin zu diesem
Thema in Schweigen hüllten. Soviel steht jedenfalls außer Zweifel:
Zwischen den Sängern der Russischen Kolonie Alexandrowka und den von
Peter dem Großen nach Preußen „ exportierten “ Gläubigen
Soldaten mit Gardemaß besteht keinerlei Zusammenhang.
Allerdings beruhte auch das erneute Aufleben der russischen
Orthodoxie in Potsdam wie 100 Jahre früher auf einem Geschenk des russischen
Zaren an einen Preußenkönig.
VI. Wie die Alexander
- Newski - Kirche entsteht [zurück]
Die zu Alexandrowka gehörende Kirche sollte ausschließlich
der geistlichen Betreuung der russischen Kolonisten dienen.
So jedenfalls lautete der königliche Auftrag, den
wiederum Hauptmann Snethlage und Peter Joseph Lenne´ auszuführen hatten.
Doch diesmal sollte die orthodoxe Kirche im Gegensatz
zu ihrem Vorläufer am Kanal als Kunstwerk von bleibendem Wert in die
Baugeschichte der Hohenzollern eingehen und hier einen würdigen Platz
einnehmen. So forderte der Bauherr Friedrich Wilhelm III. einen Kirchenbau
russischer Spielart, in dem sich die Stilmöglichkeiten des Berliner
romantischen Klassizismus entfalten sollten.
Zu dem bereits in Alexandrowka wirkenden Zweigespann
Lennè und Snethlage beorderte der König deshalb seinen Baumeister
Karl Friedrich Schinkel (1781-1841), der mit der Berliner Alten Woche (1816),
dem Schauspielhaus (1821) und dem Alten Museum (1830) als eine der dominierenden
Künstlerpersönlichkeiten des deutschen Klassizismus preußische
Baugeschichte schrieb. Erst durch Schinkels Mitwirken wurde die Kirche
zu jenem Kunstwerk, das noch heute dank seiner unnachahmlichen Klassizität
besticht.
Baupläne vom Zarenhof aus Sankt
Petersburg - Schinkel griff korrigierend ein [zurück]
Die Baupläne für die Potsdamer orthodoxe Kirche
lieferte der russische Zarenhof. Mit großer Sicherheit stammt der
architektonische Grundentwurf von dem namenhaften Petersburger Klassizisten
Wassilij Petrowitsch Stassov (1769-1848). Stassow gilt als Schöpfer
der einst berühmten Kiewer Desjatin - Kirche (1828), die leider den
Wirren der Geschichte zum Opfer fiel. Um so mehr gewinnt heute die in ihrer
künstlerischen Einmaligkeit und Originalität erhaltene Alexander
- Newski - Kirche an Bedeutung.
Doch nicht nur die Risse für den Kirchenbau stammen
aus Petersburg. Da Friedrich Wilhelm besondere Sorgfalt und Originalität
bei der Ausstattung des Kircheninnenraumes gefordert hatte, ließ
Zar Nikolaus durch seine besten Künstler zwei Entwürfe anfertigen.
Welchen Stellenwert der Kirchenbau für den König
hatte, belegt der personelle Aufwand bereits im Vorfeld des Kirchenbaus.
Am 20. Januar 1828 benachrichtigte der Generalatjudant
des Zaren, von Diebitsch, General von Witzleben über zwei auf Befehl
Zar Nikolaus erarbeitete Entwürfe der Altarwand. Von Witzleben übergab
diese dann Schinkel zur fachlichen Begutachtung Schinkel unterzog die
Petersburger Baupläne und Entwürfe des Kircheninterieurs einer
kritischen Korrektur. In seinem am 1. Juli 1826 gelieferten endgültigen
Gutachten heißt es:
„Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich hierbei die beiden
Zeichnungen der Russischen Kapelle wieder zurückzureichen. Auf der
einen habe ich eine Papierklappe aufgeheftet, auf welcher angegeben ist,
wie der obere Aufsatz mehr in Übereinstimmung mit dem unteren Teile
zu bringen ist; eine besondere beiliegende Bleistiftzeichnung gibt an,
wie das ganze mehr Einfachheit und Ruhe in der Anordnung gewinnen könnte,
und ein gleichfalls angefügtes Blatt gibt noch Aufschlüsse über
die von mir vorgeschlagenen Veränderungen ...“
Friedrich Wilhelm erkannte nicht alle Vorschläge
Schinkels an, doch fand dessen
Grundanliegen sein königliches Wohlwollen. Dabei
verstärkte Schinkel vor allem die klassizistischen Elemente, ohne
das Gedankengut der altrussischen Baukunst zu verdrängen. So gelang
dem Baumeister durch kluge Symbole russisch-orthodoxer und deutscher klassizistischer
Architektur ein künstlerisch vollendetes Kleinod, das die Jahrhunderte
überdauern wird.
Die Grundsteinlegung [zurück]
Als ursprüngliche Lage für das Gotteshaus hatte
Lenne´ den Rand Alexandrowkas vorgesehen. Doch der König wollte die
Kirche an exponierter Stelle sehen. So wählte der Gartendirektor schließlich
den nahen Minenberg als endgültigen Standort aus.
Der Name Minenberg war auf Sprengversuche zurückzuführen,
die hier der französische Ingenieur Oberstleutnant Le Fabre um 1753
mit 53 Zentner Pulver durchgeführt hatte. Friedrich der Große
ließ später, etwa 1783, den Berg mit 379 Maulbeerbäumen
für seine Seidenraupenzucht bepflanzen.
Die Bauarbeiten an der russischen Kirche erfolgten parallel
zum Baugeschehen in Alexandrowka. Obwohl die Risse des Petersburger Hofes
bereits im Mai 1826 in Potsdam eingetroffen waren, erforderte bautechnische
Vorbereitung mehr Zeit, als für Alexandrowka notwendig gewesen war.
Deshalb verzögerte sich der Baubeginn.
Dessen ungeachtet, legte man aber bereits am 11. September
1826 im Beisein Friedrich Wilhelms III. den Grundstein. Er sollte
traditionsgemäß unter dem künftigen Altar liegen. Aufgrund
der schwierigen Bodenbeschaffenheit musste der gesamte Kirchbau jedoch
einige Meter weiter östlich als geplant, errichtet werden, wodurch
der Grundstein heute unter dem Westportal installiert ist. Er trägt
in deutscher und russischer Sprache folgende Innenschrift:
Im Jahre 1826 am 11. September wurden im Namen seiner
Majestät des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm III.
als ein bleibendes Denkmal der Erinnerung an die Bande der innigen Anhänglichkeit
und Freundschaft für den am 1. Dezember 1825 höchstselig verstorbenen
Kaiser aller Rreußen Alexander Pawlowitsch Majestät der Grundstein
zur Erbauung einer Kirche für den apostolischen, orientalisch-katholischen
Glauben, unter Benennung des Heiligen Alexander Newsky, in der von des
Königs Majestät aus dem Russischen Sängerchor des ersten
Garderegiments zu Fuß gestifteten Gemeinde durch den Generalmajor
v. Alvewnsleben, Commandeur der zweiten Garde-Division, gelegt und von dem
Kaiserlich Russischen Gestandtschafts-Papst Johannes Tschudowsky feierlich
eingeweiht.
Die Einweihung der Alexandrowka-Newski-Kirche
[zurück]
Hauptmann Snethlage war zur Bauführung auf dem Minenberg
der künstlerischen begabte Ingenieurleutnant von Motz zubefohlen worden.
Die Potsdamer Steinmetzmeister Fork und Trippel sowie der Mauermeister
Blankenkorn gaben ihr handwerkliches Können für das Gelingen
des Kirchenbaues. So ging die Arbeit rasch voran.
Am 10. Juli 1829 versammelte sich die Potsdamer russisch-orthodoxe
Gemeinde im Beisein von Zar Nikolaus I. zum ersten orthodoxen Gottesdienst
mit dem Gesandschaftsgeistlichen Johannes Tschudoski in ihrer neuen Kirche
auf dem Kapellenberg.
Auf dem Tag genau, 3 Jahre nach der Grundsteinlegung
am 11. September 1829 fand die feierliche Weihe der Potsdamer russisch-orthodoxen
Kirche auf dem Namen Alexander Newski statt.
Für die Wahl Alexander Newskis zum Namenspatron der
Kirche gaben zwei Gründe den Ausschlag. Einmal war die Kirche zum
Gedächtnis an den 1825 verstorbenen Zaren Alexander I. errichtet worden,
dessen Schutzpatorn Alexander Newski war. Zum anderen mögen historische
Bezüge dominiert haben. Alexander Newski, Fürst von Nowgorod
und seit 1252 Großfürst von Wladimir, besiegte im Jahre 1240
den deutschen Orden auf dem Eis des Peipussees. Für seine Verdienste
zur Rettung des russischen Reiches wurde der Großfürst später
heilig gesprochen.
Doch zurück zur Einweihungsfeier. Sie fand mit großem
Pomp im Beisein von Zar Nikolaus I. und Friedrich Wilhelm III. statt. Der
Zelebrant war wieder der Erzpriester Tschudowski, Vorsteher der Berliner
Gesandtschaftskirche.
Zur orthodoxen Gemeinde gehörten damals die elf noch
verbliebenen Kolonisten von Alexandrowka sowie der königliche Leibkutscher
Iwan Bokoft. Bokoft, der ja jenseits der Havel im Blockhaus Nikolskoje
wohnte, war merkwürdigerweise in der Potsdamer Kirche eingeplant worden
und so der einzige Zivilist der orthodoxen Soldatengemeinde.
Natürlich wurde die Kirchweihe in Alexandrowka zünftig
gefeiert. Doch erst zwei Tage später, nachdem die hohen Herrschaften
wieder in ihre Residenz zurückgekehrt waren, konnte die Feier starten,
zu der Friedrich Wilhelm 75 Flaschen Wein, 13 ½ Quart ( 1 Quart
=1,115 Liter ) Kümmel und 50 Taler spendiert hatte.
VII. Die Alexander
- Newski - Gedächtniskirche
Ein klassizistisches Kunstwerk [zurück]
Die Architektur [zurück]
Vom architektonischen Grundtyp her zählt die Alexander
- Newski - Kirche zu den auf vier Pfeilern ruhenden kleinen Kreuzkuppelkirchen.
Der Grundriss lässt ein griechisches Kreuz erkennen, welches
in ein Quadrat eingebunden ist. Die quadratische Viertelung hat eine innere
Kantenlänge von 9,20 m. Die Wandstärke beträgt 73cm. Die
Klassizität der Kirche wird durch das Maß der inneren Höhe
der Zentralkuppel unterstrichen, die mit 18,40 m genau der doppelten Kantenlänge
der Viertelung entspricht.
Die Ostfassade ist als Apsis gewölbt. Sie nimmt
den Altarraum (Bema) auf. Über der Viertelung mit ihren breiten Gustbögen
steigt der zylinderförmige Tambour empor und setzt sich in der Hauptkuppel
fort, begleitet von vier Nebenkuppeln über den Eckräumen.
Der klassizistische Aufriss wird in den übrigen
Fassaden nach Westen, Süden und Norden mit gleichem Maß weitergeführt.
Vertikal sind die Fassaden durch Lisenen (Stuckpilaster) dreifach gegliedert.
Die jeweils um die Mittelachse geführten Kielbögen
gelten als architektonisches Element der Gotik. In der Architektur Russlands
finden wir den Kielbogen erstmals in der 1230 - 1234 gebauten Georgs -
Kathedrale in Jurjew - Polski.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wird er zu einem bestimmenden
Kennzeichen der Moskauer Bauschule. Die Kielbögen wurden durch schlanke
kannelierte Säulen gebildet, die maßvoll zu einem gotischen
Spitzbogen zusammenfinden sowie mit einer vergabelten Halbkugel und einem
Kreuz gekrönt werden.
Im Vierpass oberhalb der Kielbögen sind im
Jahre 1851 unter Friedrich Wilhelm IV. (1795 - 1861) jeweils Lavatafeln
eingeführt worden, die auf goldenem Grund Ikonen des Malers August
von Kloeber aufnehmen. Die Ikone über dem Westportal zeigt Christus,
den Erlöser. Das Südportal nimmt die Ikone des Heiligen Alexander
Newski auf, dessen Namen die Kirche trägt. Über dem nördlichen
Portal weist die Ikone des Theodor Stratilates, eines Schutzheiligen der
Soldaten, die Alexander - Newski - Kirche als Gotteshaus einer ursprünglichen
Militärgemeinde aus.
Die Kielbögen - Kapitelle schmückt je zwei
Reihen von Palmenblätter. Sie sind in ein flaches ornamentales Gesimsband
geführt, das die Fassaden horizontal gegliedert und als Basis für
die aufsteigenden schmalen lichtspendenden Rundbogenfenster dient.
Den fundamentseitigen Abschluss bildet ein ähnliches
Flachband. Ein über den vertikal verlaufenden Pilastern gefügtes
schmuckloses Gesimsband umfasst den gesamten Kubus und setzt ihn gegenüber
der weitaus dynamischeren Dachregion deutlich ab. Markantes Gestaltungselement
des Attikageschosses bilden Halbkreisfenster an den Ecken im oberen
Teil der Apsis. Die fachwerkgeschmückten Rundbogenfenster lassen
das Tageslicht in den Altar - und in den Gemeinderaum fließen. Ein
breiter ornamental verzierter Fries und aufgelegte Kreuze beleben das Attikageschoss
zusätzlich.
Im Rahmen umfangreicher Restaurierungsarbeiten in den
Jahren 1977 und 1993 erhielt die Kirche ihre originale Farbgebung zurück.
Ein zartes Rosa betont die Schlichtheit der glatten Wandflächen, gegen
die Ornamente und Fensterleibungen weiß abgesetzt sind und so die
beabsichtigte Plastizität erhöhen. Das kubusförmige Kirchengebäude
krönen fünf Kuppeltürme im traditionellen russischen Baustil
und die fast 20 m hohe Zentralkuppel gruppieren sich symmetrisch die vier
kleineren Kuppeltürme. Alle Kuppeln sind in der russischen Zwiebelform
ausgeführt und waren ursprünglich mit Weißblech beschlagen,
das später durch Kupfer ersetzt wurde. Den Kuppelabschluss bilden
vergoldete Kugeln, die je ein Christus - Kreuz tragen. Umlaufende Säulenfriese
an allen Kuppeltürme unterstreichen die Klassizität des Kirchenbaus.
Dabei überhöht der Tambour der Hauptkuppel den Innenraum und
sorgt mit acht Fenstern für dessen stimmungsvolle Ausleuchtung. Ein
Blick ins Innere der Hauptkuppel mag deshalb Gefühle der Verinnerlichung
stärken, die jener beabsichtigen klassischen Propostionalität
zuzusprechen sind.
Die über den Ecken angeordneten Nebenkuppeln erhielten einen
Tambour mit Blendbogengalerien, ein häufig genutztes dekoratives Gestaltungselement
der altrussischen Baukunst, die noch heute zum Besuche der Alexander
- Newski - Gedächtniskirche und zum Gottesdienst einladen.
Das Interieur [zurück]
Wir betreten die Alexander - Newski - Kirche durch das
Westportal. Der erste Eindruck: In diesem etwa 50 Personen aufnehmenden
Gotteshaus vereinen sich die schlichte Eleganz des preußischen Klassizismus
und die byzantinisch - orthodoxe Pracht altrussischer Baukunst, Protestantismus
und Orthodoxie verschmelzen zu einer gelungenen Symbiose anmutiger Ästhetik.
Bald fängt sich unsere Aufmerksamkeit in den vor
uns aufsteigenden Ikonostas. Die Bilderwand entstand in Preußen nach
Entwürfen eines Petersburger Künstler. Ihre endgültige Faszination
erhielt sie durch Schinkels Kreativität, dessen Stilempfinden den
Ikonostas zu einem schönen Beispiel klassizistischer Sakralkunst werden
ließ.
Dem Berliner Klassizisten sind vor allem die Pilasten
und Simse, die Palmetten und Engel zu verdanken.
Besonders wertvoll erweist sich der Mittelteil des Ikonostas
mit der königlichen Tür. Die in den Jahren 1828 und 1829 in Russland
gemalten Ikonen stellen die Verkündigung Marias und die Evangelisten
dar. Durchbrochene, in Holz geschnitzte Weinranken fassen die Türflügel
ein. Die konkave Oberkante der Tür harmonisiert mit dem portalartigen
Abschluss.
Im freien Raum über der königlichen Tür
wird die Fiktion der schwebenden Taube des Heiligen Geistes im feingliedrigen
Wolkenstrahlkranz hervorgerufen. Trotz aller Klassizität weicht die
Ikonenanordnung von der kanonisch vorbestimmten ab. Die Ikonen sind in
der „ Reduktionsform “ platziert und lassen dadurch die vergoldeten hölzernen
Verzierungen frei.
Das komplette Inventar der Alexander - Newski - Gedächtniskirche
ist auf eine Petersburger Schenkung zurückzuführen.
Der Friedhof der Alexander - Newski
- Kirche [zurück]
Unmittelbar um die Alexander - Newski - Kirche ist ein
kleiner Friedhof angelegt. Die Begräbnisstätte grenzt ein schmiedeeiserner
Zaun mit kunstvoll gearbeiteten Sandsteinsäulen ab. Die Entwürfe
für die Einfriedung erarbeitete Karl Friedrich Schinkel im Jahre 1830.
Dabei wiederholte der stilbewusste Baumeister die Form des Andreaskreuzes,
das bereits als Grundriss für Alexandrowka diente. Die Beisetzung
in der geweihten Erde in unmittelbarer Nähe der Alexander - Newski
- Kirche gilt als besonderes Vorrecht für Priester und Gläubige,
die mit dem Schicksal der Potsdamer orthodoxen Gemeinde besonders eng
verbunden waren .
Die älteste Grabplatte weist auf den am 24. September
1838 verstorbenen Erzpriester Johann Borisowitsch Tschudowski.
Die Sandsteinplatte ist in die Apsis eingelassen und trägt
die zweisprachige Inschrift :
„ Hier ruht in Gott der Kaiserlich - Russische Gesandtschaft
- Probst Johannes Tschudowski (1765 - 1838). Nach Gründung der
Kolonie Alexandrowka erfolgte durch ihn die Einweihung dieser Kapelle,
so wie er zuerst das geistliche Amt bei derselben verwaltete“.
Unter den Grabstellen verdienen einige hervorgehoben
zu werden. So sind hier der Militärbevollmächtigte beim deutschen
Kaiser, Generaladjutant Graf Wassili P.G. Kutusow, ein Nachfahre
des legendären Bezwingers Napoleons, und dessen Ehefrau bestattet.
Auch die Gattin des langjährigen und für die
Potsdamer Orthodoxie verdienstvollen Berliner Gesandtschaftsgeistlichen
Matzew, Maria A. Malzewa, fand hier 1889 ihre letzte Ruhe.
Als jüngste Ruhestätte finden wir das Doppelgrabmal
für Erzpriester Nikolai Marhewitsch (1889 - 1968) und dessen
Ehefrau Maria (1901 - 1971).
VIII. Ausflug in
die russisch - orthodoxe Liturgie [zurück]
Ähnlich wie die Innenausstattung christlicher
Gotteshäuser katholischer oder evangelischer Glaubenskonfenssion bestimmten
Prämissen folgt, ist sie auch in
russisch - orthodoxen Kirchen einer einheitlichen
liturgischen Grundkonzeption untergeordnet.
Trotz künstlerischer und typologischer Vielfalt
und Verschiedenartigkeit der Details ist das Interieurs dem Vollzug
des Gottesdienstes untergeordnet. Dabei fällt dem Hauptgottesdienst,
der göttlichen Liturgie, ein zentraler Platz zu, unabhängig
ob er in seinem Gebeten Kirchenvater Johannes Chrisostnomos (gestorben 407)
oder Basilios (gestorben 397) folgt.
Betreten wir das Innere einer orthodoxen Kirche, zieht
uns sogleich die Pracht der Bilderwand (Ikonostas) in ihren Bann. Der
Ikonostas dominierte den gesamten Gemeinderaum (Naos) jeder orthodoxen
Kirche . Er trennt den Gemeinderaum vom Allerheiligsten, zu dem
nur geistliche Würdenträger Zutritt haben .
Der Ikonostas lässt sich kulturhistorisch auf das
früher in katholischen Kirchen übliche Trenngitter zwischen Altar
- und Gemeinderaum zurückführen. Die Gläubigen schmückten
damals die Gitter mit Heiligenbildern. Diesen Brauch übernahmen
die orthodoxen Christen und entwickelten aus dem bildergeschmückten
Trenngitter die stabile Bilderwand, den Ikonostas.
Zentral hinter dem Ikonostas ist der Altarraum (Bema) mit
dem Altar platziert. Links von ihm ist die Prothesis angeordnet. In ihr
steht der Rüsttisch, auf dem die heiligen Gaben bereitet werden.
Rechts vom Altar befindet sich das Diakonokum das die heiligen Geräte
und Gewänder aufnimmt.
Bema, Prothesis und Diakonikum sind durch kunstvolle Türen
die Bestandteil des Ikonostas sind zu erreichen.
Die mittlere Tür heißt königliche oder
Zarentür. Sie wird entsprechend den liturgischen Vorgaben geöffnet
oder geschlossen. Die Zarentür ist altarseitig mit einem Vorhang
bedeckt, der in die liturgische Ordnung einbezogen wird. Während
der Osterwoche bleiben die Türen des Ikonostas geöffnet.
Der Ikonostas gründet sich auf einen flachen Stufenpodest,
der Sola. Der rechte Platz vor der Bilderwand ist in den Chören
vorbehalten und wird Kliros genannt.
Unmittelbar von der Zarentür breitet sich das
Ambon aus. Dieser Bereich dient der Verkündigung.
Ein unverzichtbares Element der Innenausstattung orthodoxer
Gotteshäuser finden wir in den zahlreichen Bildern. Sie werden entsprechend
ihrem griechisch - byzantinischen Ursprung Ikonen genannt und verinnerlichen
einen hervorragenden Teil orthodoxer Theologie und Frömmigkeit. Dabei
anerkennt der orthodoxe Gläubige die in den Ikonen abgebildeten
Personen als gegenwärtig und verehrt sie durch religiöse
Huldigungsgesten .
Gestühl fehlt in orthodoxen Kirchen. In stehender
Andacht bewahrt sich der orthodoxe Christ größere Nähe
zu seinem Gott. Nur Kranken und Altersschwachen ist die sitzende Teilnahme
am Gottesdienst erlaubt. Auch auf eine Orgel verzichteten orthodoxe Gotteshäuser.
Die Göttliche Liturgie der russisch - orthodoxen Kirche ist in Teile
gegliedert: Sie wird mit einem umfangreichen Vorbereitungsstil,
der Praskomidie, eröffnet. Getrennt von der Gemeinde, bereitet der Priester am Rüsttisch
in der Prothesis die Opfergaben für die Eucharistiefeier. Dabei symbolisiert
die Proshomidie die Eucharistenfeier als wirklichkeitserfülltes
Gedächtnis und Vergegenwärtigung des Kreuzopfers.
Der folgende Mittelteil der liturgischen Handlungen,
der Wortgottesdienst, wird als Liturgie der Katechumen bezeichnet .
Er findet seinen Gipfelpunkt im kleinen Einzug mit dem
Evangelienbuch und symbolisiert das Erscheinen Jesu Christi. Der Begriff
Katechumen bedeutet Taufbewerber. Frühchristliche Bräuche
schrieben den Katechumen nach diesem liturgischen Teil das Verlassen
der Kirche vor.
Mit der Liturgie der Gläubigen schließt die
Göttliche Liturgie als Abendmahlfeier ab. Sie beginnt mit dem
großen Einzug, der Überführung der Opfergaben vom Rüsttisch
durch den Gemeinderaum zum Altar. Die heilige Kommunion, die Segnung
und Verteilung des Antidoron, steht am Ende der Abendmahlfeier. Die orthodoxe
Liturgie entläßt die Gläubigen mit dem Abschlusswort:
„Lasset uns in Frieden fortgehen!“
IX. Das Haus des
Kirchenvorstehers [zurück]
Snethlages 14. Holzhaus [zurück]
Bereits 1827, zwei Jahre vor der feierlichen Weihe der
Alexander - Newski - Kirche, war das Haus des Kirchenvorstehers erbaut
worden. Es steht nur ein paar Schritte vom Gotteshaus entfernt. Der Bauherr
hatte in seiner königlichen Order gefordert, das Blockhaus in „bunter
Manier“ zu errichten. Hauptmann Snethlage hatte sich für das 14.
Holzhaus etwas Besonderes einfallen lassen. Als äußere Vorblendung
des zweistöckigen Holzhauses ließ er glatte Dielenbretter einsetzen
und grau streichen.
Fenster, Türen und das Schnitzwerk erhielten
einen zur Fassade kontrastierenden Weißton, während die Lamellenläden
mit bunten folkloristischen Motiven bemalt wurden.
Im Obergeschoss ließ der König seine
russische Teestube einrichten. Sie sollte ursprünglich nach dem Vorbild
des Blockhauses in Nikolskoje ausgestattet werden, erhielt dann jedoch
Tische und Stühle im Biedermeierstil der königlichen Speisezimmer
in Berlin. Trotzdem sorgten ein Tualer Samower und ein mit russischen Volksszenen
bemaltes Teeservice, ein Geschenk Nikolaus I., für das besondere
Flair im „königlichen Landhaus“.
Für den Hausgebrauch hatte Friedrich Wilhelm III.
in der Berliner königlichen Porzellanmanufaktur ein Tafelservice mit
24 Tassen, diverses Teegeschirr, 12 Speise - und 18 Suppentellern zu
dem „bescheidenen“ Preis von 191 Talern anfertigen lassen .
Häufig führte Friedrich Wilhelm III. seine
Gäste in die Teestube auf dem
Kapellenberg, um hier oben in romantischer Umgebung Mittagstafel
oder Teestunde zu halten. An seinen königlichen Gesellschaften nahmen
bis 40 Gäste teil. Während in der königlichen Teestube
fürstlich getafelt wurde, bemühte sich im links neben dem Landhaus
gelegenen Kutscherhaus der Hoflakai Kontrati Taronowski um das Wohl der
ausgespannten Pferde. Für Wasser hatte Lenne´ gesorgt. Zwischen „königlichen
Landhaus“ und Kutscherhaus hatte er ein etwa 30 Meter tiefen Brunnen graben
und mit einem Durchmesser von 1.50 Meter ausmauern lassen. Eine Handpumpe
förderte das kühle Quellwasser zum Kapellenberg.
Das Kutscherhaus brannte in den 80 er Jahren nieder und
wird künftig wieder aufgebaut werden.
Der über 160 Jahre alte Brunnen schien in den letzten
Jahrzehnten verschollen. Erst in den Junitagen 1993 ging der Erzpriester
auf der Grundlage alter Stiche, auf denen die Pumpe eingezeichnet war,
auf Spurensuche und wurde tatsächlich fündig. Nun besteht
Hoffnung, dass der Lenne - Brunnen in naher Zukunft wieder sein kühles
Wasser spenden wird.
Am 26. September 1839 besuchte Friedrich Wilhelm III.
den Kapellenberg zum letzten Mal, um hier an einem orthodoxen Gottesdienst
teilzunehmen. Sein Thronfolger, Friedrich
Wilhelm IV.(1795-1861), hielt sich nur selten in dem
Landhaus auf, verbrachte jedoch während seiner langjährigen Krankheit
manche Stunde auf dem Kapellenberg.
X. Die Betreuung
der russisch - orthodoxen Gemeinde [zurück]
Von Anfang an war der geistlichen Betreuung der neu entstandenen
Potsdamer orthodoxen Soldatengemeinde der russische Gesandtschaftsgeistlichkeit
in Berlin beauftragt worden. So nahm ihr Erzpriester Johannes Tschudowski
die Kirchweihe vor. Er hielt auch in den Folgejahre den Gottesdienst in
der Alexander - Newski - Kirche. Gleichzeitig hatte man den Hoflakaien
Kondrati Jermolajewitsch Tarnowski als Kirchenvorsteher und Aufseher der
Kirche eingesetzt. Tarnowski beherrschte als Sohn eines orthodoxen Geistlichen
die kirchenslawische Sprache und konnte so die Gottesdienste als Leser
und Sänger unterstützen. Seine Hauptaufgabe bestand jedoch in
der Aufsicht über das „Königliche Landhaus“ und den dazugehörigen,
von Lenné angelegten Garten. Auf Befehl Zar Nikolaus I. erhielt
Tarnowski bald mit dem Diakon Sachari Petrow Unterstützung. Doch mit
Petrow hatte die
Potsdamer Gemeinde keinen besonderen Gewinn. Des Deutschen
nicht mächtig, gab es erhebliche Verständigungsschwierigkeiten.
Dazu kam sein lockerer Lebenswandel, der vor allem in dem auf Ordnung bedachten
Garderegiment auf Ablehnung stieß. So drohte Petrow die Rückversetzung
in seine russische Heimat. Doch noch bevor dies entschieden war, verstarb
Petrow 1831 im Regimentslazarett zu Potsdam.
Nun verwaiste das Haus des Kirchenvorstehers auf dem
Kapellenberg für lange Zeit. Die geistliche Betreuung im Alexandrowka
blieb bis 1914 in der Obhut der Orthodoxen Priester der Berliner Gesandtschaft.
Bedeutendes leistete dabei besonders Erzpriester Alexej
Petrowitsch Malzew (1886-1914). Doch als der 1. Weltkrieg ausbrach, wurde
Malzew nach Russland zurückgerufen.
Für die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen blieb
das Leben der Potsdamer orthodoxen Gemeinde weitgehend im Dunkeln. Während
dieser Jahre unterstand sie der sogenannten
Karlowitzer Spaltung, die jede Verbindung mit der Moshauer
Mutterkirche abgebrochen hatte. Nach 1945 wurde sie erneut dem russischen
orthodoxen Patriarchat unterstellt und kam zum Bistum von Berlin und Deutschland,
das gegenwärtig von Bischof Feofan geführt wird und unmittelbar
dem kirchlichen Außenamt in Moskau unter dem Vorsitz des Metropoliten
Kyrill untergeordnet ist.
Im Jahre 1945 erhielt die Potsdamer orthodoxe Gemeinde
nach 120 Jahren mit Erzpriester Nikolai Markewitsch erstmals wieder einen
ständigen Gemeindepfarrer. Der Seelsorger bezog das Haus auf dem Kapellenberg
und führte seine Gemeinde 20 Jahre lang. Nach seinem Tode im Jahre
1968 blieb die Pfarrstelle erneut vakant.
Sporadisch wurden in den Folgejahren Gottesdienste von
Priestern des Exarchats durchgeführt.
Erst am 6. Oktober 1986 berief die heilige Synode erneut
einen Priester für die Betreuung der Potsdamer orthodoxen Gemeinde.
Seit dieser Zeit versieht Erzpriester Anatolij Koljada,
Geistlicher der Kathedrale zu Minsk, das Amt des Vorstehers der Alexander -
Newshi - Gedächtniskirche zu Potsdam. Der Priester bewohnt mit seiner
Familie das Haus auf einem Kapellenberg, für das er Miete an die Kommune
zu zahlen hat, denn weder Kirche noch Haus des Kirchenvorstehers sind
Eigentum des Moskauer Patriarchats.
Heute betreut Erzpriester Koljada ungefähr 1000
orthodoxe Christen. Die Gemeinde setzt sich vorrangig aus Russen und Bulgaren,
Serben und Rumänen zusammen. Zur orthodoxen Gemeinde von Potsdam gehören
aber auch deutsche Gläubige aus Familien, in denen unterschiedliche
Konfessionen gepflegt werden.
Wie in allen anderen orthodoxen Gemeinden, wird auch
in der Potsdamer orthodoxen Gemeinde keine Kirchenstatistik geführt
und keine Kirchensteuer erhoben. Die orthodoxe Gemeinde finanziert sich
deshalb vorrangig aus freiwilligen Beiträgen der Gemeindemitglieder.
Wer sich die Zeit nimmt, ist gern als Gast der orthodoxen Kirche oder bei einem
der orthodoxen Gottesdienste gesehen.
Die Kirche ist stets für Gäste aller Glaubensbekenntnisse
offen.
XI. Bilddokumente [zurück]
Wohnhaus in Alexandrowka [zurück]
Russische Kapelle in Alexandrowka [zurück]
Frühling in Alexandrowka (1) [zurück]
Frühling in Alexandrowka (2) [zurück]
Einstöckiges Blockhaus am Rande von Alexandrowka
[zurück]
Übersicht zur Fachliteratur
[zurück]
Heweller Verlag: „Alexandrowka“ Märkische Reisebilder
Giensberg, Hans - Joachim, und Adelheit Schendel
Potsdamer: Verduten: Stadt. - und Landschaftsansichten
vom 17. Bis 20. Jahrhundert
Potsdam: Potsdam - Sanssouci Verlag, 1982
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