1. Die Weberkolonie “Nowawes”
I. Städtebaulicher Entwurf und religiöser Grundriss
Im Jahre 1750 gab der preußische König Friedrich II. den Befehl zum Bau einer Weberkolonie namens “Nowawes”, die zur damaligen Zeit noch “Etablissement bei Potsdam” genannt wurde. Er veranlasste dies, um die vom Großen Kurfürsten angestrebte “Peuplierungspolitik” in dem vom 30-jährigen Krieg gezeichneten Brandenburg-Preußen weiterzuführen. Friedrich II. beauftragte den General Wolf Friedrich von Retzow mit der Ausführung des Unterfangens.
Der General ließ am 07.10.1750 einen Aufruf an böhmische Glaubensflüchtlinge veröffentlichen, der sie zu einer Einwanderung animieren sollte. Ein Vorteil für ihn war dabei die Verfolgung der evangelischen Glaubensanhänger in Böhmen und die Versuche ihrer jeweiligen Herrscher, diese zur Gegenreformation zu zwingen.
Man wollte das “Etablissement bei Potsdam” 300 m nördlich von Neuendorf auf einem Teil von dessen Gemarkung anlegen. Die aus Neuendorf stammenden Bauern mussten daraufhin je eine Sandscholle ihres Besitzes abgeben. Vermutlich hatte dies auch das gestörte Verhältnis zwischen den beiden Dörfern zur Folge.
1751-1754 wurde der erste Bauabschnitt unter dem Befehl von General Wolf Friedrich von Retzow errichtet und nach dessen Tod erfolgte in den Jahren 1764-1767 die Erweiterung zwischen Alt-Nowawes und der Mühlenstraße unter der Aufsicht von General Heinrich Wilhelm von Anhalt.
Die Siedlung erhielt einen besonderen Grundriss, der höchstwahrscheinlich religiös motiviert war. Er wich allerdings von festen Schemata ab.
Nowawes war im Vergleich zu anderen “friderizianischen” Kolonien völlig ungeometrisch und sein Zentrum bestand außerdem aus einem dreieckigen und nicht aus einem quadratischen Ortsmittelpunkt.
Der quadratische Platz symbolisierte ein Kreuz und die Kreuzformen galten als Schutzsignierung.
Jedoch das dreieckige Zentrum beruhte auf den Schriften “Triertium Catholicum” eines Bischofs namens Johann Amos Comenius (1582-1670) zu seinen Vorstellungen eines “Dreiecks der Wahrheit“. Diese so genannte “Allgemeine Dreikunst” besagte, dass sich ein “Ding”, also etwas Wesentliches, in der Mitte eines gleichschenkligen Dreiecks befindet und die Dreiecksspitzen aus den drei Trias (Denken, Reden, Handeln) zusammengesetzt werden.
Somit waren also die Grundrisse religiös begründet, obwohl ihre Ausführung in der Realität vermessungstechnisch nicht in exakter Symmetrie erfolgte. Doch es zählte wohl eher die Symbolhaftigkeit als eine gleichmäßige Geometrie.
II. Der erste Bauabschnitt unter General Wolf Friedrich von Retzow
Obwohl der General Wolf Friedrich von Retzow 1750 den königlichen Befehl zur Erbauung von Nowawes erhielt, gab es keine schriftlichen Dokumente über die Anweisungen. Meist wurden dem General mündliche Entwurfsunterlagen “übergeben”.
Dieser beauftragte einen Kondukteur und Feldmesser mit der Zeichnung der städtebaulichen Anlage.
Der Kondukteur orientierte sich an zwei Trassen, nämlich dem Königsweg und einer Allee nach Glienicke. Doch diese durften in ihrem Verlauf nicht verändert werden.
Die beiden Triften liefen im 45° Winkel zusammen und bildeten mit dem dreieckigen Kirchplatz das Grundgerüst für die Wohnstraßen.
Man legte eine fast parallele Priesterstraße zur Allee nach Glienicke an, die sich im 60° Winkel zum Königsweg befand. Des Weiteren entstand die Waldstraße, die mit den anderen ein ungleichseitiges Dreieck bildete und zur Erschließung eines inneren Platzes (Standort für die Kirche) diente.
1751 wurden 48 Kolonistenhäuser entlang des westlichen Endes der alten Lindenstraße gebaut. Die ersten Siedler erreichten Nowawes im selben Jahr und im Herbst 1751 beheimatete die Kolonie bereits 60 Familien.
1752 errichtete man 50 weitere Wohneinheiten im östlichen Teil der Waldstraße, im Osten und Süden des Kirchplatzes und an der Mittelstraße.
In den Jahren 1752/53 beschäftigte man sich mit dem Bau der “Friedrichskirche” auf dem Kirchplatz nach den Plänen von Johann Boumann dem Älteren (1706-1776). Boumann war übrigens auch rege an der Gestaltung des “Holländischen Viertels” beteiligt.
Durch den Bau von 6 Kolonistenhäusern zwischen 1754/55 wurde der erste Bauabschnitt mit seinen 21 Brunnen beendet. ZU diesem Zeitpunkt begann der 7-jährige Krieg. Dieser forderte eine immense Zahl an Menschenleben, unter anderem auch das des Generals von Retzow. Am 5. November 1758 starb er in Schweidnitz.
III. Der zweite Bauabschnitt unter General Heinrich Wilhelm von Anhalt
In den Jahren 1764-1767 setzte man die Arbeit nach dem 7-jährigen an Nowawes fort. Doch diesmal führte General Heinrich Wilhelm von Anhalt die oberste Bauaufsicht, da sein Vorgänger im Krieg gefallen war.
Die Ausführung seiner Befehle erfolgte über den Oberhofbaurat und Baumeister Heinrich Ludwig Manger (1728-1790).
Es wurden 55 Kolonistenhäuser entlang der Eichenallee gestaltet, die allerdings als Wohnstätte für Handwerksgesellen dienen sollten, da sich ein erheblicher Mangel an jenen Fachkräften herauskristallisierte.
Die Ansiedlung glückte und man erweiterte die Wohnmöglichkeiten durch 11 zusätzliche Häuser.
Zu dieser Zeit bestand die Kolonie aus 72 ha Fläche, auf der 210 Gebäude für 420 Familien Platz fanden und 1100 Menschen lebten.
1767 wurde der Bau an der Siedlung endgültig auf königlichen Befehl eingestellt.
IV. Die Seidenproduktion und der Anbau von Maulbeerbäumen
Unter Friedrich II. stellte die Seidenproduktion ein wichtiger Industriezweig dar.
Er verordnete sogar die Einrichtung einer königlichen Seidenbau-Kommission, die für die Berichte über die Seidenraupenzucht und die Herausgabe von Verordnungen zuständig war. Außerdem legte er unzählige Maulbeerplantagen, die für die Seidenproduktion von großer Bedeutung sind, an. Diese Plantagen wurden von ausländischen Inspektoren überwacht.
Auch die Kolonisten der Siedlung Nowawes waren zur Unterhaltung von Maulbeerbäumen gezwungen und mussten die Seidenraupenzucht pflegen.
So wurde eine erhebliche Vermehrung der Maulbeerbäumen erreicht (1784 - ca. 21.000 Maulbeerbäume allein im Raum Potsdam).
1765 ließ Friedrich II. sogar 2000 “Seidenkultivateure” einführen und ein “Seidentiragenhaus” im ehemaligen “Jagdhaus” gegenüber dem “Jägertor” einrichten.
1780-1781 pflanzte man 1.300 Bäume, die durch die Einwohner gepflegt werden sollten, auf dem Kirchplatz von Nowawes.
1783 mussten die aus Neuendorf stammenden Bauern erneut zwei Sandschollen von ihrer Gemarkung für Maulbeerplantagen entrichten.
Südwestlich von Nowawes legte man die “Schnackenberg’sche Maulbeerbaumplantage” mit 388 Bäumen auf 3 ha Fläche an.
Doch 1789 stellte man fest, dass die Bäume von den Kolonisten sehr vernachlässigt worden waren und ihre Anzahl auf 516 Bäume rapide abgenommen hatte.
Im Jahre 1840 reduzierten sie sich sogar auf nur noch 368 Bäume und man entschloss sich zu 117 Neupflanzungen.
Mit Erfolg, denn 1853 erfuhr die Seidenkultur eine Wiederbelebung. Der königliche Hofgärtner Hermann Ludwig Sello (1800-1876) gestaltete den Kirchplatz von Nowawes neu.
Jedoch ab 1866 wurden die noch verbliebenen Plantagen ebenfalls parzelliert.
2. Das Leben der Weber in der Kolonie “Nowawes”
I. Die Kolonistenhäuser
Die Wohneinheiten der Kolonisten waren relativ anspruchslos und aus einfachsten Materialien, aber dennoch massiv erbaut worden, um der hohen Brandgefahr entgegenzuwirken.
Die freistehenden, eingeschossigen und fünfachsigen Zweifamilienhäuser besaßen beidseitig neben der gestemmten oder gedoppelten Eingangstür zwei Fenster.
Neben der Tür, die zum Garten führte, der etwa 1/8 bis 1/4 ha maß, befanden sich ebenfalls Fenster.
Kolonistenhaus von 1752, Karl- Liebknecht- Str. 103. Kurz nach 1900
Die Standards der Gebäude glich man den allgemeinen Wohn- und Lebensverhältnissen von Handwerkern an.
Die Aufteilung war schlicht gehalten. Als zentraler Wohn- und Arbeitsraum diente eine Stube mit Webstuhl und Spinnrad. Dahinter zur Hofseite gerichtet, lag die Schlafkammer der Eltern. Der doppelt stehende Dachstuhl mit einem Kehlbalkendach, welches man mit Biberschwanzziegeln bedeckte, konnte als zusätzliche Schlafstätte für die Kinder oder als Wohnfläche genutzt werden.
Der helle Putz und die mit Fachwerk ausgestatteten Innenwände verliehen dem Haus eine elegante Einfachheit.
Zu jedem Gebäude gehörte außerdem noch ein Stall oder ein Schuppen.
Der Grundriss war symmetrisch und die jeweiligen Wohnungen der Familien wurden durch einen Querflur in der Mitte getrennt.
In den Kolonistenhäuser gab es verschiedene Küchenvariationen. Die so genannte „Schwarze Küche“ lag z. B. in dem dunklen Flur und besaß kein Fenster. Die „Weiße Küche“ hingegen lag hinter der Stube in Richtung Hof und erfuhr durch kleine Fenster Belichtung.
Man erbaute die Wohneinheiten meist ohne Keller und musste daher die Feuchtigkeit des Bodens durch gestampften Lehm o. ä. eindämmen.
Um das Gesamtbild etwas aufzulockern, verwendete man verschiedene Häusertypen:
größerer Typ mittlerer Typ kleinerer Typ
• 30x40 Fuß
• für beide
Wohnungen jeweils
eine „Weiße Küche“ • eine „Schwarze
Küche“ mit 2
Kochstellen • eine „Weiße Küche“
für beide Familien
II. Alltagsleben
Im 18. Jahrhundert fanden 17.000 Böhmen Zuflucht in Brandenburg-Preußen.
1759 erhielt die Weberkolonie Nowawes den Status “Dorf”. Doch die Böhmen stellten weiterhin eine Minderheit dar und das Leben war äußerst beschwerlich. Es herrschten nach Retzows Tod ungeklärte Rechtsverhältnisse.
Allerdings erhielten die Kolonisten ein Gnadengeschenk von 50 Talern. Die so genannte “königliche Schenkung” wurde jedoch nicht jedem vollständig ausbezahlt.
Man bildete auch eine eigene Kirchengemeinde, die “Böhmische Gemeinde” und hielt abwechselnd Gottesdienste in deutscher sowie tschechischer Sprache ab.
Nach dem 18. Jahrhundert fanden nur noch Gottesdienste in Deutsch statt.
Außerdem fügte man die beiden getrennten Schulgemeinden zu einer “reformierten Schuleinrichtung” zusammen.
Das neue Schulgebäude wurde bereits 1906 wieder eingerissen.
III. Wirtschaftlicher Auf- und Abschwung
Die Einwohner der Weberkolonie beklagten immer wieder die Not, das Elend und die geringen Erwerbsquellen.
Ständig sinkende Löhne und die ungeklärten Umgangsweisen mit den einzelnen Produkten erschwerten die Lebensbedingungen erheblich.
Die Jahre 1785, 1818 und 1827 gelten als die so genannten Elendszeiten mit fast 350 arbeitslosen Familien.
1847/48 gab es einen Zusammenbruch in der Webindustrie. Während jener Jahre gab es in Nowawes etwa 400 Familien ohne Einkommen.
Ein Hoffnungsschimmer schien die am 02. November 1810 erlassene Gewerbefreiheit zu sein. Doch sie führte nur zu einer Verschlimmerung der Lage.
1837 wurde ein Privat-Unterstützungsverein unter der Aufsicht einer preußischen Prinzessin gegründet.
In den 1852 bis 1862 konnten in der Industrie Verbesserungen erzielt werden, unter anderem durch die Einrichtung einer Musterweberei, in der man neue Arbeitstechniken und technische Neuerungen vorstellte.
Zudem feierte das Unternehmen “Liebermann & Söhne” Eröffnung und stellte bei dieser Gelegenheit 25 Nowaweser Mädchen ein. Nachdem man in der Nähseidefabrik eine Dampfmaschine aufgestellt hatte, konnten 80 weitere Mädchen die Arbeit aufnehmen.
Doch zum Beginn des 19. Jahrhundert kam der Zusammenbruch und der
Industriezweig verblasste.
3. Quellenangaben
Links: http://de.wikipedia.org/wiki/Nowawes
http://de.wikipedia.org/wiki/Weberviertel
http://de.wikipedia.org/wiki/Babelsberg#Weberkolonie
http://www.potsdam.de/cms/beitrag/10000086/26846/
http://speedmap.maerkischeallgemeine.de/MAZ/potsdam/cgi-
bin/perl/seite.pl?GKx=4574225&GKy=5807598&vonWo=GKLink&Index=weberviertel6541916436&Icon=point- magenta&x=&y=&PQ=&Karte=&Rubrik=&ID=&MhIndex=
http://www.potsdam.de/cms/beitrag/10033252/195626/
http://www.preussenweb.de/potsdam.htm
http://www.server-wg.de:8080/schockwellenreiter/reisen/suedwest/buga2001/nowawes/?month:int=1&year:int=2007
http://www.weisenhaus.de/geschichtl.html
http://www.steuben-gesamtschule.de/deutsch/seiten/projekte/geschichte/boehmen/boehmen.htm#b1
Bibliografie: Jung, Katrin Carmen. Zur Geschichte der böhmischen Weber- und Spinnerkolonie in Potsdam- Babelsberg. Berlin: Hande u. Spener, 1997.
Mittenzweig, Ingrid. Herzfeld, Erika. Brandenburg- Preußen 1648- 1789 : Das Zeitalter des Absolutismus in Text und Bild. Berlin: Verlag der Nation, 1987, 1. Auflage.
Heller, Gisela. Potsdamer Geschichten. Berlin: Verlag der Nation, 1986, 2. Auflage.
Vogler, Günther. Zur Geschichte der Weber und Spinner von Nowawes 1751 - 1785. Potsdam: 1965.
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