1. Einleitung
I. Ausländer in Berlin und Brandenburg
Als im 18. und 19. Jahrhundert Ausländer nach Berlin kamen, gab es eine Besonderheit:
Sie kamen nicht als "unerwünschte Gäste" nach Deutschland, sondern wurden gebraucht.
Bereits im 12. Jahrhundert wurden Niederländer angeworben, um an der Elbe ihre Kenntnisse
anzuwenden und Dämme zu errichten. Schon im 16. Jahrhundert förderte
Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach als letzter Hochmeister des deutschen Ritterordens und
erster weltlicher Fürst in Preußen den Zuzug von Holländern.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg, 1648, wollte Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst (16.02.1620 - 09.05.1688),
mehr Ausländer nach Berlin und Brandenburg holen, denn das Kurfürstentum Brandenburg
hatte unter dem Dreißigjährigen Krieg und mehreren Pestepidemien stark gelitten und ca. 140.000 Menschen verloren.
Mehr als ein Drittel der Wohnhäuser in Berlin stand leer. Wirtschaftlicher Aufschwung und Ausgleich
des Bevölkerungsmangels waren die Ziele, die an die Anwerbung der Ausländer geknüpft waren.
Zunächst wurden 500 holländische Kolonisten angeworben. Es waren vorwiegend Handwerker, die bei dem Wiederaufbau der Orte
in Brandenburg und Berlin halfen. Außerdem waren es holländische
Architekten, Festungsingenieure, Mühlenbaumeister und Brückenkonstrukteure, die die Brücken und Mühlen wieder in Stand setzten.
Auch die ersten Befestigungsanlagen von Berlin wurden von Holländern errichtet.
II. Die Holländer
Um holländische Handwerker anzuwerben, reiste König Friedrich Wilhelm I. (14.08.1688 - 31.05.1740) im Jahre 1732 nach Amsterdam.
Er ließ, um die Holländer dazu zu bewegen, in sein Land zu kommen und dort zu bleiben, in Potsdam 134 Häuser
im holländischen Stil bauen, die den ankommenden Holländern zur Verfügung gestellt wurden.
Diese Häuer sind heute noch als das "Holländische Viertel" bekannt.
Bald kamen holländische Handwerker und auch Künstler nach Potsdam. Da sie zu bedeutenden Positionen gelangten,
haben sie sich offenbar ohne Schwierigkeiten in den Staat eingefügt. Der Holländer Jan Bouman zum Beispiel,
welcher 1732 nach Potsdam gekommen war, ist bis zum Oberbaudirektor von Berlin aufgestiegen.
Für 1000 Taler Jahresgehalt wurde 1698 der Marinemaler und Schiffsbaumeister Michiel Maddersteeg aus Amsterdam in Berlin
als Hofmaler eingestellt. Holländer wurden durch ihre aus der Heimat mitgebrachten Kenntnisse bei
der Trockenlegung von Ackerland und auch im Handwerk, z.B. im Baugewerbe benötigt. Besonders wichtig waren sie in der
Porzellanmanufaktur. Erst Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts schwand die Bedeutung der Holländer.
Die holländischen Baumeister wurden durch Schinkel und der holländische Stil in der Kunst und im Bauwesen durch
den französischen Einfluss verdrängt.
III. Das Holländische Viertel
Sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen ist das Holländische Viertel heute noch beliebt.
Es schließt vier Karrees ein und besteht aus ca. 140 Backsteinhäusern im holländischen Stil. Sie sind unverputzt, haben weiße Fugen,
Fensterläden und zum Teil geschwungene Giebel. Dieses Bauensemble ist europaweit einzigartig und wurde in der Zeit
von 1734 bis 1742 für holländische Handwerker erbaut,
die König Friedrich Wilhelm I. - der Soldatenkönig - nach Potsdam geholt hatte.
2. Architektur im Holländischen Viertel
I. Allgemeines zur Architektur
Das Holländische Viertel besteht aus vier an den Straßenseiten symmetrisch angeordneten Karrees.
Bei genauerer Betrachtung wird jedoch auffällig, dass die Symmetrie durch die Größenunterschiede der Häuser
gestört wird. Dieser Makel hat seine Ursachen wahrscheinlich in den ungenauen Messinstrumenten dieser Zeit.
Nichtsdestotrotz war das Resultat in dieser Form einer "Idealstadt" der damaligen Zeit ähnlich.
Es gibt aber trotzdem zwei unterschiedliche Häusertypen:
- 5-achsige Traufenhäuser (5 Fenster in einer Reihe)
- 3-achsige Giebelhäuser (3 Fenster in einer Reihe) mit teilweise unterschiedlichen Giebelformen
Viele Bauelemente wurden jedoch als einheitlich streng vorgeschrieben, beispielsweise die ursprünglich grünen Fensterläden und
bei den Giebelhäusern außerdem Schnecken aus Sandstein, gequadert heraustretende Lysenen, Barock aussehende Konsolen und
die Fugen in den holländischen Häusern. In den Häusern selbst gibt es eine Monotonie. Besonders die stabilen Treppen
fallen sehr auf (auch auf Schiffen im 17./18. Jahrhundert). Dieser Fakt könnte daran liegen, dass Jan Boumann eigentlich Schiffsbaumeister war.
Die Brandgassen zwischen den Häusern sind jedoch nicht sehr symmetrisch angeordnet. Diese Abweichungen kann man aber
kaum sehen. Weitere Spuren der Vorbildnation des Kurfürsten, Holland, findet man auch an Farbe, Konsolen,
Portaldekoration und zum Teil an den Verzierungen. Die zuletzt aufgezählten Elemente sind auch an holländisch
inspirierten Gebäuden im Holländer Viertel auffindbar.
Vor allem an den folgenden Häusern:
- Jagdschloß Stern, erbaut 1730
- den großen holländischen Häusern am Bassinplatz, erbaut von Gontart in den 50-60er Jahren des 18. Jahrhunderts
- an den Häusern in der Gutenbergstraße (Giebel)
- sowie an der Siedlung am Schillerplatz (Giebel/Backstein) aus der Jahrhundertwende
Der Erwähnung wert ist noch die schon vorher beschriebene, im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gloriette,
eine Art Lusthäuschen (im Volksmund als "Tabakhäuschen" bezeichnet) der Könige. Dieses stand auf einer Insel im Bassin und
war schon durch die Sichtachse (Benkertstraße) aus dem Holländischen Viertel von Weitem zu erkennen.
Die sowjetische Besatzungsmacht baute die zerstörte Gloriette nicht wieder auf, sondern riss sie ab und
schüttete 1947 das Bassin zu. Diese Stelle heißt heute Bassinplatz.
II. Die Backsteinfassaden
Das Mauerwerk
Das Mauerwerk war ursprünglich unangestrichen, da die roten Hartbrandziegel nur in ihrem Eigenfarbton wirkten.
Einen Kontrast dazu bildet eine im Querschnitt trapezförmig ausgebildete, helle Kalkmörtelfuge.
Diese überzieht in ihrer akkuraten Ausführung die gesamte Fassade gitternetzartig. Die ersten Farbanstriche folgten
kurz nach der Fertigstellung des Holländischen Viertels (2. Hälfte des 18. Jahrhunderts).
Sie sollten wahrscheinlich die Veränderungen und Überformungen des Mauerwerks kaschieren. Die Anstriche
des 19. und 20. Jahrhunderts spiegeln den Geschmack dieser Zeit durchaus wieder, z.B. gelb-grau für ganze Flächen
vor allem in der Gründerzeit. Dennoch bleibt der rote Anstrich in unterschiedlichen Abstufungen (Nuancierungen) dominant.
Das Traufgesimsbrett mit Konsolen
Ursprungsfarbton war ein bleiweißer Ölfarbanstrich, später erfolgte jedoch eine Abstufung (Nuancierung) zur Neugestaltung
der Tordekoration (Portaldekoration) in einem gelb-grauen Ton. Die Farbfassung dieser Architekturteile sollte wahrscheinlich
an edlere Materialien erinnern (Marmor oder Sandstein).
Die Portaldekorationen
In den Portaldekorationen (Tordekorationen) war die bleiweiße Farbe des Ölanstrichs dominant. Die Farbgestaltung wurde
unter Friedrich II. repräsentativer und vielfältiger, wobei die Portaldekoration im 19. Jahrhundert entfernt, überformt,
teilentfernt bzw. im Putz neu gestaltet wurden.
III. Die Einbauteile
Die Fenster und Fensterläden
Bleiverglaste Fensterflügel und geölte Rahmen aus Eichenholz waren die erste Fenstergeneration in den holländischen
Häusern. Die originalen Fensterteile wurden dem farblichen Geschmack der Zeit angepasst und teilweise oder vollständig
ersetzt. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde sogar die Form der Fensterläden verändert.
Die Türen und Tore
Über der öligen Grundierung war in der Regel ein bleiweißer Ölanstrich oder eine Absetzung in grün und gelb-ocker.
Desweiteren waren sie meist auch noch mit einer Wachsschutzschicht versehen. An diesen Elementen wurden in den darauf
folgenden Jahrhunderten auch starke Veränderungen vorgenommen.
Die Treppenanlagen
Die gesamte Treppenanlage wurde geölt und gewachst. Die Treppenteile wurden insgesamt mit Ölfarben in einem Rotton
und die Pfosten der Treppen in Rot- oder Blautönen angestrichen. Der Handlauf der Treppe hatte einen
schwarz bis schwarzbraunen Farbton. Anzumerken ist jedoch, dass die nachfolgenden Generationen ihre Häuser nach ihrem
eigenen Geschmack einrichteten.
3. Johann Boumann
Johann Boumann wurde am 20. August 1706 in Amsterdam geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Schiffszimmermeister
und Zimmermeister und hatte somit die Berechtigung, eigenständig Häuser bauen zu dürfen.
1732 konnte Friedrich Wilhelm I. ihm auf seiner Reise nach Holland als holländischen Bauhandwerker gewinnen. Er wurde
mit dem Bau der Häuser im holländischen Viertel und anderen bekannten Gebäuden beauftragt. Als Friedrich II. an
die Macht kam, war Boumann ein sehr gefragter Bauhandwerker. Er arbeitete 44 Jahre für die beiden Könige und starb
am 6. September 1776 in Berlin.
4. Könige als Bauherren
Der 30-jährige Krieg (1618 - 1648) verwüstete Potsdam. Von den ehemals 198 Häusern waren 1660 nur noch 79 bewohnt,
davon 29 Haushalte so verarmt, dass sie keine Steuern mehr an den Staat zahlen konnten.
Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620 - 1688) kaufte Potsdam und die umliegenden Dörfer und schuf so die Herrschaft Potsdam.
Die alte, teilweise zerstörte Burganlage wurde durch ein niederländisch inspiriertes Schloss ersetzt.
Der Enkel des Großen Kurfürsten, König Friedrich Wilhelm I. (1688 - 1740), gab der Stadt endlich Struktur und Substanz.
Von anfangs 220 Häusern erweiterte er das Stadtgebiet auf 1154 Häuser und 1733 vergrößerte er das Stadtgebiet
von 45 auf 145 Hektar. Heute ist Potsdam 18.227 ha groß.
Um im Nordosten der Stadt, wo der Faule See und sumpfiger Boden normales Bauen unmöglich machten, bauen zu können, holte
sich der König Bauleute aus Holland. Diese waren zu dieser Zeit dafür bekannt, Bauwerke auf feuchtem Baugrund errichten
zu können. Bereits im Oktober 1732 kamen die ersten Bauhandwerker mit ihren Familien aus Holland nach Potsdam.
2 Jahre später waren bereits die ersten sieben Traufhäuser fertig.
Der Holländer Jan Bouman, Zimmermann und Schiffsbauer aus Amsterdam, der 1732 die Stelle eines Hofkastellans erhielt,
hatte eine Dienstwohnung im Schloss.
Hofbaumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699 - 1753) war der Architekt von Schloss Sanssouci. Ab 1745 war
Bouman Kastellan und Bauleiter dieses großen Projektes.
Friedrich der II. (1712 - 1786) - auch Friedrich der Große genannt - prägte mit seinen Bauwerken die Stadt Potsdam
(Potsdamer Rokoko). Viele, heute noch berühmte Architekten setzten seine Ideen, Skizzen und Pläne selbst nach
seinem Tode in die Tat um.
1744 ließ Friedrich II. den Park Sanssouci anlegen, der "Wüste Berg" wurde in einen sechsfach terrassierten
Weinberg umgestaltet und 1745 wurde mit dem Bau von Schloss Sanssouci begonnen, welches das bekannteste Prunk-Bauwerk
aus dieser Zeit ist.
5. Weitere Gebäude im holländischen Stil
Jagdschloss Stern in Potsdam
Das Jagdschloss von Friedrich Wilhelm I. wurde 1730 bis 1732 von dem holländischen Grenadier und Zimmermeister
Cornelius van den Bosch errichtet. Der Soldatenkönig liebte die Jagd und ließ sich deswegen ein Schloss für seinen
Jagdaufenthalt bauen.
Den Namen Stern bekam das Jagdschloss aufgrund seiner Lage in einem sternförmigen Schneisensystem.
Durch seine Heirat mit Luise Henriette von Oranien-Nassau (1646) sowie durch seine Reisen nach Amsterdam lernte er
den holländischen Stil schätzen. Er hatte eine starke Abneigung gegen den luxuriösen Lebensstil der Fürstenhäuser.
Anstatt überschwänglicher Schmuckformen mochte er Klarheit, Übersichtlichkeit und Sauberkeit.
Deswegen hatte er sein Jagdschloss in Form eines schlichten holländischen Bürgerhauses errichten lassen.
Dies spiegelte die einfache und sparsame Lebensweise des Soldatenkönigs wieder.
Äußere Gestaltung
- eingeschossiges Gebäude mit Satteldach
- Außenmauern hatten rechteckigen Grundriss
- Rotes unverputztes Ziegelmauerwerk
- fünf hohe Schiebefenster (je 2 in den Seitenwänden)
- kleine Schiebefenster (zwei in den Seitenwänden, fünf in der Rückseite)
- Blendefenster mit Glockengiebel über dem Haupteingang
- Fenstertür
Innere Gestaltung
- Hauptraum = Saal mit kuppelartiger Decke
- Dachboden
- Schlafraum (Bettnische in einer Anbauwand)
- Adjutantenzimmer (Adjutanz=Dienststellung)
- Fußboden gefliest
- Wände weiß verputzt
- offener Kamin
- Küche
- Wandflächen weiß gefliest
- Fußböden aus Holzdielenblättern
- Spiegel umrahmt mit goldener Ornametik (abstrahiertes Muster/Blumen oder Fantasiemuster)
- Kronleuchter reich verziert mit Kerzen
- Fünf Gemälde mit Jagdszenen
- Vergoldeter Hirschkopf mit echtem Geweih
- Wände mit Kerzenhaltern
Andere Bauten
Platz- und Wegefläche (Hinter dem Neuen Palais in Sanssouci)
angewendeten holländischen Pflasterungsstil "Mopke"
Marmorpalais (im Neuen Garten)
1787-1792 errichtet
Das Holländische Etablissement (liegt links an der zum Schloss führenden Hauptallee im Neuen Garten)
1789-1790 entstanden
6. Wie haben die Holländer Preußen verändert?
1732 warb Friedrich Wilhelm I. Holländer an, es kamen jedoch nur vier. Einer von ihnen war Jan Bouman.
Er war Bauleiter des holländischen Viertels. Im 18. Jahrhundert entstand das erste Giebelhaus, das ein Fachwerkhaus war.
Es bestand aus einem Vorderhaus, einem Hof mit Hofgebäude und einem Hausgarten. Zwischen 1733 und 1742 entstanden 134 Häuser,
die als Quartier für Handwerker, Künstler, Arbeiter und Soldaten dienten.
Bau des holländischen Viertels Der Bau gestaltete sich schwierig, da sich ein Sumpfgebiet an diesem Standort befand, es wurde schließlich trocken gelegt und
wegen der schlechten Bodenverhältnisse mussten 120 Holzpfähle pro Haus in den Boden versenkt werden. Das umliegende Gelände
wurde, um eine bessere Stabilität zu gewährleisten, um einen Meter aufgeschüttet. Desweiteren wurden unterirdische Kanäle zur Ableitung des Sumpfwassers gelegt.
Im Erdgeschoss befand sich die Werkstatt, im Obergeschoss Schlaf-und Wohnräume.
Es gab offene Kochstellen, deswegen nannte man die Küchen "schwarze Küchen". Zum Heizen nutze man Kamine oder Kachelöfen.
Außerdem stellte eine Grube außerhalb des Hauses die Toilette dar.
Pflichten und Privilegien
Zu ihren Pflichten der Holländer zählte einzig und allein das Häuserbauen für den König.
Ihre Privilegien fielen da schon üppiger aus:
- Sie bekamen Hand- und Zehrgelder für die Reise,
- Schutz und Unterkunft in preußischen Territorien,
- Zusagen von Vorschüssen als Starthilfe,
- feste Einkünfte und kostenlose Unterbringung und
- sie durften Frauen aus der Heimat heiraten
7. Quellen
http://www.steuben-gesamtschule.de/deutsch/seiten/projekte/geschichte/holl/holland2.htm
http://www.ki-smile.de/kismile/view219,44,1517.html
http://www.carto.net/andre.mw/photos/2000/10/10_berlin/2000101210_potsdam_neuer_garten_marmorpalais.jpg
http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Jagdschloss_Stern_Potsdam.jpg
http://commons.wikimedia.org/wiki/Potsdam?uselang=sv
http://www.spsg.de/index.php?id=206
http://www.spsg.de/media/de/bildergalerie_friedrich_II.jpg
http://www.bb-evangelisch.de/extern/frz_reform_potsdam/FrP-Geschichte%20Potsdam-Edikt%20von%20Potsdam%20PNN.htm
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